Vorpremiere in München, danach Prag. Franz K. zeigt, wie Sprache Figuren formt und warum Idan Weiss als Kafka im Gedächtnis bleibt.
Am 20. Oktober 2025 war ich in München bei der Vorpremiere von Franz K., einer deutschen Kinovorführung, und danach beim Gespräch mit dem Hauptdarsteller Idan Weiss. Dass der Abend im Programm des Adalbert Stifter Vereins stattfand, war mehr als ein Zufall. Es war der passende Rahmen für einen Film, der eigentlich genau dort sitzt, wo Mitteleuropa am empfindlichsten ist, zwischen Sprachen, zwischen Selbstbildern, zwischen kulturellen Zuschreibungen.

Und genau hier begann meine Irritation. Der Film, den ich an diesem Abend sah, lief in einer deutsch ausgerichteten Fassung, verständlich fürs deutsche Publikum, aber sprachlich auffällig geglättet. Ich wunderte mich, warum hört man nicht Tschechisch, obwohl tschechische Schauspieler wie Ivan Trojan dabei sind? Und warum lässt man die tschechische Seite dieser Welt kaum durchklingen? Obwohl Kafka selbst, als Prager Jude in einer mehrsprachigen Stadt, nicht nur Deutsch, sondern auch Tschechisch sprach!
Dicken Lob an Jan Budař für sein Deutsch
Bei Jan Budař muss man, gerade in beiden Fassungen, da die identisch sind, die deutsche Leistung ausdrücklich loben. Er spielt nicht „trotz“ der Sprache, sondern in der Sprache. Überzeugend, präzise, ohne die Figur zum Akzent-Trick verkommen zu lassen. Vielleicht macht sein Gelingen die Glättung sogar noch sichtbarer.
Idan Weiss: Sprach- und Rollenarbeit
Was im Saal zunächst wie ein reines „deutsches“ Produkt wirkte, bekam im Gespräch danach mit dem Hauptdarsteller Idan Weiss eine andere Tiefe, weil Idan sehr konkret über die Mehrsprachigkeit und ihre Arbeit spricht.
Ich habe Tschechisch gelernt, monatelang. Die Szene ist, glaube ich, nur eine Minute im Film. Dafür haben wir jede Woche 1,5 Stunden gelernt.
Idan Weiss
Und er stellt klar, dass die sprachliche Mischung nicht nachträglich „hineinmontiert“ wurde, sondern Teil des Originals war.
Deutsch und Tschechisch, alle Sprachen, die im Film vorkommen, wurden original so gedreht.
Idan Weiss
Damit verschiebt sich auch der Blick auf die Münchner Fassung. Sie ist nicht das „Original“, sondern eine Entscheidung der Präsentation, eine Adaption fürs Publikum, die manches sichtbar macht, anderes aber bewusst zurücknimmt. Ich fand das schade, weil Kafka gerade von dieser Reibung lebt. Sprache als Alltag, als Macht, als Zugehörigkeit, und manchmal auch als Einsamkeit.
Dunkelheit als Vorbereitung
Im Interview nach der Vorführung spricht Idan nicht nur über Texte, sondern über Zustände, und plötzlich versteht man besser, warum seine Darstellung so „von innen“ wirkt.
Ich habe das Tageslicht über 14 Monate gemieden, um dieses Gefühl von Dunkelheit wieder zurückzubekommen.
Idan Weiss
Das ist kein PR-Satz, sondern eine radikale Beschreibung von Annäherung: Die Figur wird nicht bloß gedacht, sie wird körperlich gesucht, im Rhythmus des Tages, in der Stimmung, im eigenen Nervensystem.
Diese Arbeit merkt man im Film, Weiss spielt Kafka nicht schrill, obwohl der Film formal oft mutig, experimentell, manchmal bewusst schräg ist. Er bleibt zurückgenommen, genau, empfindsam, und genau dadurch hält er diese Form zusammen.
Wie lange, bis du wieder du bist?
Nach der Vorführung kam die Frage, die eigentlich immer zu spät gestellt wird und doch alles trifft. Wie lange dauert es, bis man aus Franz K. wieder herausfindet? Weiss antwortete bemerkenswert ehrlich.
Ich hasse das Wort „Method Acting“, aber ich würde sagen, eigentlich war ich die ganze Zeit in der Rolle. Ich habe schon so drei Monate gebraucht, um wieder normal zu werden.
Idan Weiss
Diese Aussage erklärt im Nachhinein auch, warum seine Figur nicht wie ein „gespielter Kafka“ wirkt, sondern wie ein Mensch, der Kafka für eine Zeit in sich hineingelassen hat. Das ist vielleicht die stärkste Leistung des Films, dass er nicht nur erzählt, sondern eine Präsenz erzeugt.
Prag im November, plötzlich näher an Kafka
Im November sah ich den Film dann noch einmal in Prag, und dort war er, in meiner Wahrnehmung, näher an Kafkas Realität. Die Mischung aus Deutsch und Tschechisch (Deutsch mit tschechischen Untertiteln) hat mich durchaus angesprochen, weil sie diese historische, soziale und kulturelle Reibung nicht glättet, sondern hörbar lässt. Prag ist in diesem Film nicht Kulisse, sondern Resonanzraum. Man spürt, dass hier eine Stadt spricht, nicht nur eine Figur.
Und auch Idan Weiss’ Darstellung gewann in dieser Umgebung noch einmal. Nicht, weil er „anders“ sprach, sondern weil die Welt um ihn herum anders atmete, weniger angepasst, mehrschichtiger, mehrsprachiger, näher an dem Kafka, der nie nur eine Sprache hatte.
Empfehlung und meine Verwunderung
Ich kann Franz K. wirklich wärmstens empfehlen. Umso weniger kann ich nachvollziehen, warum der Film bei ČSFD nur im mittleren Bereich liegt (um die Mitte der 60 Prozent) und bei IMDB noch niedriger bei 6,3/10. Wobei die meisten negativen Stimmen aus Polen kommen, die haben doch mit Kafka nichts zu tuen oder?
Vielleicht ist das genau der Punkt, der Film ist nicht gefällig, er ist ein Wagnis, formal, sprachlich und in der Entscheidung, Kafka nicht als Denkmal, sondern als widersprüchlichen Menschen zu zeigen. Von Idan Weiss wird man, da bin ich sicher, noch einiges hören. Nicht als vage Hoffnungsformel, sondern weil er hier zeigt, dass er Sprache als Material versteht und sich in eine historische Figur hineinversetzen kann.
Wer Kafka nicht als Pflichtlektüre, sondern als offene Frage an Mitteleuropa begreift, findet in Franz K. einen Film, der diese Frage nicht beantwortet, aber endlich wieder scharf stellt.
Deutsch https://www.henryertner.com/wie-lange-bleibt-man-kafka/
English https://medium.com/@henryertner/how-long-do-you-stay-kafka-5d4890e0ab5e
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