Zwischen Erinnerung und Versöhnung, für meine Familie, Masaryks Mutter und die Wahrheit unserer gemeinsamen Geschichte.
Meine Kindheit im Riesengebirge
Ich bin im Riesengebirge aufgewachsen. Eine Landschaft, die schön ist, still, manchmal rau und voller Geschichten, die nicht immer erzählt werden. Meine Eltern wollten mich schützen, deshalb haben sie mit mir nur Tschechisch gesprochen. Deutsch blieb etwas, das nicht zu mir gehören sollte, zumindest nicht offen.
Und doch war es da. Meine Großeltern väterlicherseits, die viel zu früh gestorben sind, sprachen nur Deutsch. Mein Großvater Heinrich durfte bleiben, weil er im Bergwerk gearbeitet hat. Ein Privileg, das viele andere nicht hatten. Meine Großmutter Thekla gehörte zu einer Generation, deren Leben von politischen Entscheidungen geprägt wurde, die sie selbst nie getroffen hat.
Ich fahre nach Brünn, um sie zu ehren.
Masaryks deutsche Briefe an seine Mutter
Voriges Jahr im Herbst war ich mit Studierenden der Universität Augsburg im Masaryk-Institut. Auch darüber habe ich geschrieben.
Wir haben einiges erfahren und zwischendurch eine einfache Frage gestellt. In welcher Sprache schrieb Tomáš Garrigue Masaryk seiner Mutter?
Die Antwort war ebenso einfach wie vielsagend. Es gibt nur wenige erhaltene Briefe, aber die, die geblieben sind, sind auf Deutsch.
Ich fahre nach Brünn auch, um Frau Kropaczek, später Masaryk, zu ehren. Eine Frau, deren sprachliche Realität nicht in die einfachen nationalen Narrative passt, die wir uns so gern erzählen. Nach der Muttersprache gemacht wurde es, diejenigen, die bei der Volkszählung 1939 Deutsch angegeben hatten, wurden vertrieben.
Der Versöhnungsmarsch und das Buch
Vor einem Jahr habe ich am Versöhnungsmarsch von Pohořelice nach Brünn teilgenommen. Ein Weg, der körperlich anstrengend war und emotional noch mehr. Ich habe damals darüber geschrieben, aber manches lässt sich nicht wirklich aufschreiben. Man muss es erleben. Am Samstag gehe ich wieder.
Im Zusammenhang mit diesem Marsch bekam ich ein Buch geschenkt „Das Barackenmädchen“ von Peter Mainka. Eine Geschichte, die im Kontext des Todesmarsches spielt. Drei Jahre lang hatte sich niemand gefunden, der es ins Tschechische übersetzen wollte.
Ich habe spontan gesagt: Ich mache es. Nicht aus Kalkül, sondern aus einem Gefühl heraus, dass solche Geschichten gehört werden müssen, auf beiden Seiten, in beiden Sprachen. Das Buch ist inzwischen übersetzt.

Auf Tschechisch trägt es den Titel „Dívka z odsunu“ (Das Mädchen aus dem Abschub) und entstand mit Unterstützung des Deutsch Tschechischen Zukunftsfond https://www.fondbudoucnosti.cz/. Wir werden es in Brünn in einer zweisprachigen Lesung nach der Hauptkundgebung vorstellen. Auch deshalb fahre ich nach Brünn.
Was eine reife Nation lernen sollte
Es geht nicht nur um Erinnerung, es geht auch darum, wie wir heute damit umgehen. Eine stolze und erwachsene Nation zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie nur ihre Erfolge kennt. Sondern dadurch, dass sie auch weiß, was nicht gut gelaufen ist. Dass sie hinschaut, ohne sofort in Abwehr zu gehen. Dass sie aushält, dass Geschichte ambivalent ist. Vielleicht können wir dann einfach sagen:
Seid gegrüßt, liebe Landsleute, unsere Vorfahren haben Unheil angerichtet. Lassen wir es gut sein. Kommt, wir trinken gemeinsam ein Bierchen.
Henry Ertner
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Es ist das Ergebnis von Arbeit, von Zuhören und dem Mut sich in die Augen zu schauen.
Dank an die Organisatoren
Deshalb ist es wichtig, dass es Formate wie „Meeting Brno“ gibt. Dass Menschen Räume schaffen, in denen Begegnung möglich wird, jenseits von politischen Floskeln. Mein Dank gilt den Organisatoren, besonders Petr Kalousek und David Macek. Ohne solche Initiativen würde vieles einfach weiter nebeneinander herlaufen.
Ich fahre nach Brünn, zum Todesmarsch, zur Hauptkundgebung, zur Lesung, zu Gesprächen, die vielleicht unbequem sind, aber hängen bleiben.
Am Ende bleibt für mich ein Satz von Václav Havel, den ich als kleiner Junge in Wildschütz im Riesengebirge getroffen habe. Dieser Satz, der nichts von seiner Aktualität verloren hat:
Pravda a láska musí zvítězit nad lží a nenávistí.
(Die Wahrheit und die Liebe müssen über die Lüge und den Hass siegen.)
Václav Havel
Auf Wiedersehen in Brünn.
Deutsch https://www.henryertner.com/warum-ich-nach-bruenn-zum-sudetendeutschen-tag-fahre/
English https://medium.com/@henryertner/why-i-am-going-to-brno-for-the-sudeten-german-day-bb1329b5fc7b
Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-proc-jedu-do-brna-na-sudetonemecky-den-274506


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