Die Exkursion „Deutsch als Heritage Language“ der Universität Augsburg führte vom 30. Oktober bis 1. November 2025 nach Prag und bot den Teilnehmenden intensive Einblicke in die deutsche Sprache und Kultur sowie deren historische Verankerung in Mitteleuropa.

Unter der Leitung von Dr. des. Henry Ertner lag der Fokus auf der Bedeutung des Deutschen als Heritage Language im Kontext von Sprachsituationen und kulturellem Erbe. Die Exkursion wurde durch die Förderung der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) ermöglicht, der wir an dieser Stelle herzlich danken.

Eine Zeitzeugin

Der Auftaktabend der Exkursion war ein besonders bewegendes Erlebnis im Green Garden Hotel, wo eine Zeitzeugin aus dem Riesengebirge von ihrer persönlichen Geschichte berichtete. Ihr Bericht enthüllte eindrücklich die Herausforderungen, Deutsch als Minderheitensprache unter politischen Zwängen zu bewahren. So lernte sie die Sprache innerhalb von nur drei Monaten im Alter von 16 Jahren, obwohl Deutsch damals in der Tschechoslowakei verdrängt wurde.

Ihre Erzählung spiegelte auch die Einschränkungen der Reisefreiheit wider, sowie den tiefen inneren Wunsch, Deutschland zu besuchen. Die familiären Zwiespältigkeiten im Spannungsfeld zwischen Herkunft und Heimat wurden anschaulich dargestellt und vermittelten Gefühle von Sehnsucht, Verlust und Identität. Ihre Geschichte machte greifbar, dass Deutsch als Heritage Language weit mehr als ein linguistisches Phänomen ist, es ist ein Ausdruck gelebter Geschichte und Generationserfahrung.

Cultural Heritage

In einem anschließenden Vortrag widmete sich PhDr. Martin Jeřábek, Spezialist für mitteleuropäische Geschichte an der Karls-Universität Prag, dem sogenannten „deutschen Kulturerbe“ in der Tschechischen Republik.

Sein Vortrag bot eine tiefgehende Analyse der historischen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der deutsch-tschechischen Beziehungen. Er legte dar, wie die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit Schmerz und Entwurzelung, aber auch mit der Chance auf Versöhnung und neuen Dialogen verbunden ist.

Dabei betonte Jeřábek die Bedeutung der Erinnerungskultur, die unter anderem durch Vertriebenenorganisationen und die Deutsch-Tschechische Erklärung von 1997 geprägt wird. Er debattierte zudem über kulturelle Erhaltungsformen wie individuelle Memoiren, materielle Kulturgüter und ethnographische Traditionen, die Brücken zwischen den Nationen und generationenübergreifende Identitäten schaffen. Sein Plädoyer für eine differenzierte und dialogische Auseinandersetzung hinterließ bei der Gruppe einen nachhaltigen Eindruck.

Masaryk-Institut und das Archiv der Akademie der Wissenschaften

Am zweiten Tag besuchte die Gruppe das Masaryk-Institut und das Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Dort empfing Frau Dr. Lucie Merhautová die Teilnehmenden mit einem ausführlichen Vortrag zur Arbeit des Instituts.

Besonders beeindruckend sind die umfangreichen Bestände, darunter die persönliche Bibliothek von Tomáš Garrigue Masaryk mit etwa 180.000 Büchern und handschriftlichen Anmerkungen. Das Institut widmet sich der Erforschung der Wissenschafts- und Sozialgeschichte der Zeit Masaryks sowie der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften.

Überraschend für viele war die Erkenntnis von Masaryks mehrsprachiger Persönlichkeit, die Deutsch, Tschechisch und mehrere weitere Sprachen beherrschte, was die historische Komplexität der Region spiegelt. Die Exkursion zeigte, wie eng politische und kulturelle Identitäten mit Sprache verwoben sind.

Die Archivbestände

Nach dem Vortrag öffnete Herr Dr. Jan Chodejovsky die Türen zu den Archivbeständen. Er stellte unterschiedliche Dokumente vor, die die multikulturelle und mehrsprachige Geschichte der Tschechoslowakei widerspiegeln, darunter Materialien deutscher Wissenschaftsinstitutionen.

Besonders beeindruckend war das Tagebuch von Wilhelm Weizsäcker, Professor an der Deutschen Prager Universität, dessen handschriftliche Aufzeichnungen jedoch eine Herausforderung für die Lesbarkeit darstellen.

Das Archiv erstreckt sich über vier klimatisierte Stockwerke und enthält neben Dokumenten auch einzigartige Objekte wie den Nobelpreis von Professor Jaroslav Heyrovský.

Prof. Dr. Wildfeuer mit Nobelpreis von Prof. Dr. Heyrovský

Auch persönliche Fonds von Professoren der Deutschen Prager Universität wurden präsentiert, viele noch unerforscht, was das große Forschungspotenzial der Bestände verdeutlicht. Dr. Chodejovsky betonte die Bedeutung der Digitalisierung und den Bedarf an weiteren Forschern für diese Schätze.

Archiv der Karls-Universität

Im Anschluss führte die Exkursion in das Archiv der Karls-Universität im Carolinum. Dort wurden die Teilnehmenden von Frau Dr. Jana Ratajová herzlich empfangen und erhielten Einblicke in die bewegte Geschichte der deutschsprachigen Universität, die von 1882 bis 1945 parallel zur tschechischen Universität bestand.

Das Archiv beherbergt etwa 500 Dissertationen jener Zeit, darunter wichtige Werke zur Sprachwissenschaft und Linguistik. Die Figur des Germanisten Prof. Ernst Schwarz wurde hervorgehoben, dessen Arbeiten einen nachhaltigen Einfluss auf die Germanistik und Ortsnamenforschung hatten.

Die Geschichte der Universität ist eng mit gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden, allen voran der jüdischen Emigration und der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Krieg. Trotz teilweisem Verlust der Bestände bewahrt das Archiv ein wertvolles Kulturerbe, das heute aufbereitet und erforscht wird.

Die Stadtführung

Der letzte Tag der Exkursion stand im Zeichen einer Stadtführung durch Prag, die viele bedeutende historische und kulturelle Orte präsentierte. Von der Erinnerung an den Nationalhelden Jindřich Fügner und die christlichen Missionare Cyrill und Method über moderne Architektur im Tanzenden Haus bis hin zur symbolträchtigen Karlsbrücke und der Kampa-Insel mit Museum waren vielfältige Facetten der Stadt zu erleben.

Auch politische Stationen wie die US- und Deutsche Botschaft mit ihren zeitgeschichtlichen Bezügen wurden besucht. Die Nerudova Gasse bot einen Einblick in barocke Symbolik, während die Prager Burg, die Goldene Gasse und jüdische Stätten kulturelle und religiöse Vielfalt repräsentierten.

Höhepunkte wie die Prager Astronomische Uhr und der kinetische Kafka-Kopf von David Černý rundeten das Programm ab. Die Führung verband mittelalterliche Geschichte mit moderner Erinnerungskultur.

Danksagung an die Bayerisch-Tschechische Hochschulagentur (BTHA)

Zusammenfassend hat die Exkursion nach Prag eindrucksvoll gezeigt, wie verwoben Sprache, Geschichte, Kultur und Identität in Mitteleuropa sind. Die vielfältigen Einblicke in persönliche Lebensgeschichten, herausragende historische Institutionen und bedeutende Archivschätze eröffneten den Teilnehmenden neue Perspektiven auf das deutsch-tschechische Kulturerbe. Dieses Erbe ist eine lebendige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, die durch Forschung, Erinnerung und Dialog bewahrt werden muss. Ein besonderer Dank gilt der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) für die Förderung dieses wichtigen Projekts, das neue Wege im Verständnis von Heritage Languages und kultureller Vielfalt eröffnet hat.

Deutsch https://www.henryertner.com/studenten-der-universitaet-augsburg-machen-exkursion-nach-prag/

English https://medium.com/@henryertner/students-from-the-university-of-augsburg-take-part-in-an-excursion-to-prague-5055c68dfa40

Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-studenti-univerzity-augsburg-na-exkurzi-v-praze-205138


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