Schachmeister Pachman zeigt, dass gegenseitiges Verständnis und Ehrlichkeit Brücken zwischen Tschechen und Deutschen bauen und Versöhnung ermöglichen kann.
Die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren nach dem Zweiten Weltkrieg gehört zu den tragischsten und zugleich vielschichtigen Kapiteln der mitteleuropäischen Geschichte. Diese dunkle Periode bleibt nicht nur aus Sicht der Opfer ein schmerzliches Erinnerungsstück, sondern wirft auch wichtige Fragen zum Umgang mit Geschichte, Schuld und Versöhnung auf.
In einem beeindruckenden Videobeitrag, der im Rahmen des Seminars des Arbeitskreises der sudetendeutschen Akademiker präsentiert wurde, öffnet der tschechisch-deutscher Schachgroßmeister Luděk Pachman ein Fenster in diese Zeit. Seine persönliche Geschichte und seine mutigen Worte geben einen tiefen Einblick in die Geschehnisse, besonders in die Rolle, die Präsident Edvard Beneš bei der Vertreibung spielte.
Frühes Leben und die Faszination Schach
Luděk Pachman wurde 1924 geboren und trat früh in die Welt des Schachs ein.
„Ich spielte Schach aktiv und wurde Schach International Meister und Schach Großmeister. Das ermöglichte mir, die Welt kennenzulernen.“
Seine Karriere eröffnete ihm die Möglichkeit, über die Grenzen seines Heimatlandes hinauszublicken und eine internationale Bühne zu betreten. Doch die politischen Umwälzungen seiner Heimat überschatteten bald jede Perspektive. Bereits vor dem Prager Frühling war Pachman in oppositionellen Kreisen aktiv und setzte sich für seinen Glauben an Freiheit und Gerechtigkeit ein.
Pachman stammte aus einer Zeit, in der das politische Klima in der Tschechoslowakei zunehmend von Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen geprägt war. Seine eigene politische Einstellung entwickelte sich im Kontext dieser Umbrüche. Trotz seines Engagements im Marxismus sah er sich bald der brutalen Realität der Machtpolitik gegenüber.
Grausame Nachkriegszeit, die Rache an den Deutschen
Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für viele Deutsche in Böhmen und Mähren nicht Frieden, sondern den Beginn einer brutalen Verfolgung. Pachman schildert eindringlich:
„Am 9. Mai wurden Deutsche in Uniform an Laternen aufgehängt, mit Benzin begossen und angezündet.“
Solche furchtbaren Bilder, die vielen heute nur aus Geschichtsbüchern bekannt sind, waren Realität für die Bewohner jener Zeit. Doch Pachman betont, dass es sich hierbei nicht um spontane Ausschreitungen handelte, sondern um systematisch organisierte Aktionen.
„Die Vertreibung der Deutschen war eine von Beneš initiierte Aktion, abgestimmt in seinem Treffen mit Stalin 1943 in Moskau.“
In dieser politischen Absprache wurde das Schicksal von Millionen Menschen besiegelt. Die sogenannten Beneš-Dekrete öffneten Tür und Tor für Massenausschreitungen, Vertreibungen und Enteignungen. Für Pachman war der Kommunismus, dem er lange Zeit selbst verbunden war, von diesen ethnischen Konflikten und Übergriffen zutiefst entstellt.
„Als Marxist war ich zum proletarischen Internationalismus erzogen, das widersprach meiner marxistischen Lehre.“
Pachman lässt hierin die tiefe Kluft erkennen, die zwischen der offiziellen Politik und den individuellen Schicksalen bestand.
Die politischen Verstrickungen Beneš‘ und Stalins
Die historischen Absprachen zwischen Beneš und Stalin, bei denen Beneš zugunsten seiner Macht und ideologischen Ausrichtung die Vertreibung der Deutschen versicherte, hinterließen tiefe Wunden in Böhmen. Pachman bringt es auf den Punkt:
„Beneš versprach Stalin die Vertreibung der Deutschen, dafür verzichtete er auf die Karpaten-Ukraine und band das Land politisch an die Sowjetunion.“
Diese schmerzhafte Einigung kostete Tschechoslowakei die Freiheit und versetzte dem Land eine politische Kettenreaktion, die Jahrzehnte an Einfluss und Selbstbestimmung kostete. Die Opfer dieser Abmachung waren jedoch nicht nur auf das politische Establishment beschränkt, sondern betrafen Millionen Menschen, deren Leben gewaltsam zerstört wurde. Das Trauma dieser Zeit wirkte lange nach und prägte auch das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen über Generationen.
Persönliches Leid, die Haft und politischer Widerstand
Während der Hoffnung auf Reformen im Prager Frühling 1968 wurde Pachman politisch aktiv und laut. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings folgte die Verhaftung aufgrund seines Engagements. Er wurde einer der erste politischen Gefangene in der Tschechoslowakei nach dem Studenten Prager Frühling und erlitt eine Haftstrafe,
„unvergleichbar schlimmer als im Gestapo-Gefängnis während des Krieges.“
Mit schweren Verletzungen, darunter Schädelbruch und drei gebrochene Wirbel, überstand er diese Zeit knapp. Diese schwierige Zeit markierte einen Wendepunkt. Die Freiheit wurde ihm entzogen, und seine Hoffnung auf eine offene Gesellschaft schwand, dennoch blieb er bei seinen Überzeugungen. Schließlich wurde er zur erzwungenen Ausreise gedrängt:
„Ich wurde gegen meinen Willen ausgebürgert.“
Dieses erzwungene Exil empfand Pachman als tiefen Einschnitt. Der Verlust der Heimat war nicht nur ein geografischer Schicksalsschlag, sondern auch ein emotionaler und kultureller Bruch.
Eine doppelte Heimat
Trotz aller Leiden verbindet Pachman eine tiefe Liebe zu seiner Herkunft und dem Land, das er später auch als seine zweite Heimat annahm.
„Heimat bedeutet für mich Liebe, nicht nur festen Wohnsitz. Ich bekenne mich zu dieser Liebe zu beiden Ländern.“
Diese doppelte Zugehörigkeit ist für viele Böhmen typisch, die sich zwischen Kultur und Geschichte, Ost und West bewegen. Pachman personifiziert diesen Zwiespalt und zeigt, dass es trotz geteilten Schmerzes Raum für Verständnis und Versöhnung gibt.
Diese Perspektive schlägt eine Brücke zu den Generationen, die heute keine Ahnung haben und erklärt, warum der Prozess der Versöhnung in der Region noch immer fortgeführt werden muss. Pachmans Worte laden dazu ein, die Geschichte differenziert zu betrachten und nicht als einfache Gegensätze zwischen Täter und Opfer.
Täter und Opfer, Opfer und Täter
Pachman weist darauf hin, dass in dieser Geschichte nicht nur äußere Mächte wie die Sowjets Schuld tragen. Die eigentlichen Verantwortlichen für viele Gräueltaten waren oft tschechische Landsleute, darunter ehemalige Kollaborateure und ehemalige Gestapo-Mitarbeiter.
„Russische Soldaten waren nicht an den Übergriffen beteiligt, sie stahlen viel, waren nicht nett, aber halfen auch manchmal bei der Flucht.“
Diese Differenzierung ist wichtig, um die komplexen sozialen und politischen Dynamiken jener Zeit zu verstehen. Die Erkenntnis über die inneren Verstrickungen wirft Licht auf die oft schattenhaften Verhältnisse, die das Kriegs- und Nachkriegschaos durchzogen. Es zeigt, dass historische Schuld und Verantwortung niemals einseitig verteilt werden können.
Erinnerung und Mahnung
Pachmans Worte sind kein bloßes Geschichtsdokument, sondern eine lebendige Mahnung an die Kosten politischer Rache und die Notwendigkeit zur Versöhnung. Wer die Vergangenheit versteht, kann einen Weg zur Zukunft ebnen, eine Zukunft, die von gegenseitigem Respekt und gemeinsamer Erinnerung geprägt ist.
Deutsch https://www.henryertner.com/schachmeister-pachman-erzaehlt-ueber-benes-bittere-rache/


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