Studierende des Seminars Sprache und Identität (Uni Augsburg) besuchten das Haus des Deutschen Ostens in München, sahen die Graphic Novel „Sudetenlove“ und erfuhren mehr über Geschichte, Bibliothek und Identität.

Exkursion zum Haus des Deutschen Ostens

Im Rahmen des Hauptseminars Sprache und Identität besuchten Studierende der Universität Augsburg das Haus des Deutschen Ostens in München. Schon der Empfang war freundlich und offen, und schnell wurde klar, dass dieser Ort nicht nur ein Archiv der Erinnerung ist, sondern auch ein Raum des Gesprächs über Herkunft, Wandel und Zugehörigkeit.

Die Exkursion verband kulturelle Bildung mit einem sehr konkreten Zugang zu Fragen, die im Seminar immer wieder eine Rolle spielen:

Wie prägen Sprache, Familie und historische Erfahrung unser Selbstverständnis?

Der Besuch begann mit einem Rundgang durch die Ausstellung zur Graphic Novel „Sudetenlove“. Die Präsentation eröffnete einen unmittelbaren Blick auf die Verbindung von Bild, Geschichte und persönlicher Erinnerung. Gerade weil die Erzählung mit starken visuellen Mitteln arbeitet, wurde deutlich, wie Comics historische Erfahrungen verdichten und zugleich emotional zugänglich machen können. Für die Studierenden war dies ein spannender Auftakt, da hier nicht nur Inhalte vermittelt, sondern auch Formen des Erzählens reflektiert wurden.

Sudetenlove als Zugang

Die Ausstellung machte deutlich, wie die Graphic Novel individuelle Liebesgeschichte und regionale Geschichte miteinander verbindet. Im Zentrum steht dabei nicht nur eine persönliche Beziehung, sondern auch die Erfahrung historischer Umbrüche, die das 20. Jahrhundert in Mitteleuropa geprägt haben.

Die ruhige Bildsprache, die zurückhaltende Farbgebung und die sorgfältige Komposition der Panels erzeugen eine Atmosphäre, in der historische Distanz und emotionale Nähe zugleich spürbar werden.

Besonders eindrucksvoll war, dass die Studierenden nicht nur ein fertiges Werk sahen, sondern auch die Entstehungszusammenhänge besser kennenlernen konnten. Die Ausstellung zeigte, wie stark sich in „Sudetenlove“ biografische Motive, regionale Verankerung und künstlerische Verarbeitung überlagern. Damit wurde sichtbar, dass Erinnerung nie nur „vergangen“ ist, sondern in Bildern, Erzählungen und kulturellen Formen weiterlebt.

Geschichte des Haus des Deutschen Ostens

Im Anschluss erhielten wir einen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Hauses des Deutschen Ostens. Das HDO versteht sich seit Jahrzehnten als Einrichtung, die sich mit der Geschichte, Kultur und Gegenwart der Deutschen aus dem östlichen Europa beschäftigt. Gerade in München hat dieser Ort eine besondere Bedeutung, weil hier Erinnerung, Forschung und Vermittlung aufeinander treffen.

Die historische Entwicklung ist eng mit den großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verbunden. Aus Flucht, Vertreibung, Neuanfang und kultureller Selbstvergewisserung entstand über die Zeit ein Ort, an dem Geschichte nicht nur bewahrt, sondern auch in aktuelle Debatten übersetzt wird.

Für ein Seminar zu Sprache und Identität ist das besonders relevant, weil hier sichtbar wird, wie eng kollektive Erfahrung und sprachliche Selbstdeutung miteinander verwoben sind.

Böhmisches Mittagessen

Zur Mittagszeit führte uns der Weg in das Restaurant Bohemia, wo wir typische böhmische Speisen genießen konnten. Besonders gut kamen der „Smažák“, also panierter Käse, und die Kofola an, die den Ausflug auch kulinarisch abrundeten. Ein gemeinsames Essen ist auf Exkursionen nie nur eine Pause, sondern oft ein wichtiger Teil des Austauschs.

Gerade dieser Teil des Tages passte gut zum Thema des Seminars, weil er zeigte, wie sehr Kultur auch im Alltäglichen erfahrbar wird. Essen, Geschmack und gemeinsame Rituale sind ebenfalls Träger von Erinnerung und Zugehörigkeit. So wurde der Besuch nicht nur intellektuell, sondern auch sinnlich zu einer kleinen Begegnung mit böhmischer Kultur.

Bibliothek und Gespräch

Am Nachmittag besuchten wir die Bibliothek des HDO. Frau Dr. Lilia Antipow stellte die besonderen Bestände vor und gab einen Einblick in die thematische Breite der Sammlung. Die Studierenden konnten dabei erfahren, wie vielfältig das Material ist und wie wertvoll eine solche Bibliothek für Forschung, Lehre und kulturelle Vermittlung sein kann.

Im Gespräch wurde zudem eine Verbindung zur aktuellen wissenschaftlichen Publikationstätigkeit hergestellt. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Reihe ForumOST im Dialog, die sich mit Fragen von Erinnerung, Identität und kulturellem Austausch im östlichen Europa auseinandersetzt.

In diesem Zusammenhang überreichte Dr. Henry Ertner der Bibliothek sein kürzlich erschienenes Buch „Deutsch als Heritage Language im Riesengebirge“, das zugleich den ersten Band der Reihe ForumOST im Dialog bildet. Mit der Aufnahme in den Bestand wird nicht nur die Sammlung erweitert, sondern auch der Dialog zwischen universitärer Forschung und institutioneller Praxis gestärkt.

Unsere Gruppe erhielt von HDO zudem das Buch „Wer bin ich? Wer sind wir?“. Schon der Titel verweist direkt auf die zentrale Frage des Seminars: Identität ist nie nur individuell, sondern immer auch sozial, historisch und sprachlich geprägt. Damit fand die Exkursion im besten Sinne einen akademischen Abschluss, weil sie den theoretischen Rahmen des Seminars mit konkreten Eindrücken aus Ausstellung, Bibliothek und Gespräch verbunden hat.

Bunte Realität

Am Ende blieb bei vielen der Eindruck einer bunten Realität, die zugleich reich, widersprüchlich und fragil ist. Die Ausstellung und die Gespräche machten spürbar, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern in Familien, Regionen und kulturellen Formen weiterwirkt.

Wer seine Vergangenheit nicht kennt, hat auch keine Zukunft. Dieser Satz erhielt an diesem Tag eine besondere Plausibilität.

Die Exkursion zum Haus des Deutschen Ostens war damit weit mehr als ein bloßer Ortsbesuch. Sie verband historische Bildung, kulturelle Erfahrung und inhaltliche Vertiefung auf eine Weise, die dem Seminar Sprache und Identität in idealer Weise entsprach. Vor allem aber zeigte sie, wie lebendig wissenschaftliches Lernen werden kann, wenn Texte, Bilder, Orte und Gespräche zusammenspielen.

Deutsch https://www.henryertner.com/raeume-der-erinnerung-studierende-erkunden-identitaet-im-haus-des-deutschen-ostens/

English https://medium.com/@henryertner/spaces-of-memory-students-explore-identity-at-the-haus-des-deutschen-ostens-fffeb40dc0d3

Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-prostory-pameti-studenti-zkoumaji-identitu-v-dome-nemeckeho-vychodu-282013


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