Humor als Antikrieg: Samerski zeigt, wie Hašeks „Schwejk“ Macht entlarvt – mit Sprache, Ladas Ikone und Bühne. Komik als Widerstand, gestern wie heute.

Der Adalber Stifter Saal im Sudetendeutschen Haus in München war gefüllt, die Atmosphäre gespannt und heiter zugleich, und Prof. Stefan Samerski setzte sofort beim Witz als Ventil für die Absurditäten der Welt an,  jenen Absurditäten, die im „Schwejk“ ein unverwechselbares Gesicht bekommen.

Vom Fernsehen ins Gedächtnis

Was sofort auffiel, war Prof. Samerskis Sinn für das Zeitkolorit der Rezeption. Mit ein paar Handgriffen standen fernsehsozialisiert die Gestalten vor Augen, von Peter Alexander über Fritz Muliar bis zu den langlebigen TV‑Adaptionen, die ganze Familien vor den Bildschirm holten. Er erinnerte an diese „anderen Medien“, die Schwejk aus dem Buch befreiten und ins kollektive Lachen der Generationen rückten, ein Lachen, das über Sprachgrenzen hält, wenn Übersetzungen den Ton treffen. Prägnant formulierte er:

Dieser Schwejk ist einfach unausrottbar

Prof. Stefan Samerski

Damit ist etwas Komisches, etwas Groteskes, etwas Spezielles gemeint, das heute wieder hoch im Kurs steht.

Sprache als Motor der Komik

Prof. Samerski führt gerne mit einer beiläufig wirkenden Wendung in die Sache, um dann den Mechanismus offenzulegen. Die Sprache trägt die Komik, nicht bloß Handlung oder Milieu. Der deutsche Sprachraum, so sein Hinweis, habe mit neueren Übersetzungen eine Annäherung an den tschechischen Grundton versucht und genau darin entscheide sich, ob Schwejks Lakonie „rüberkommt“.

Dass Hašek seine Pointen aus dem mündlichen Raum zog, Wirtshäuser, Lesungen, Anekdoten, und daraus literarische Sprache formte, erschien hier nicht als Kuriosum, sondern als poetisches Verfahren der Verdichtung.​

Die Bewegung der Figur

Besonders stark war der Exkurs zur Figurendynamik, vom attestierten „Idiotentum“ der Musterung zur listigen, bauernschlauen Krisenbewältigung, die den Apparat im Wortsinn „ins Stottern“ bringt. Kein Klischee vom ewigen Trottel, sondern eine Bewegung, ein Held, der, indem er Befehle wörtlich nimmt, die Sinnlosigkeit der Situation freilegt, im Einklang mit Tucholskys Bild vom „kleinen Mann“ im Getriebe, der „leise, schlecht rasiert“ die Wahrheit sagt. Diese Lesart macht verständlich, warum das Buch als Antikriegsliteratur wirkt, ohne zum Schlachtfeldprotokoll zu werden.​

Biografie als Resonanzraum

Prof. Samerski dosierte Hašeks Lebensstationen, Prager Boheme, russische Gefangenschaft, politische Zickzacklinie, als Resonanzraum für die Poetik, nicht als Reduktion auf Biografismus. So blieb der Blick auf den Text geschärft und doch geerdet. Die frühen Episoden, der anekdotische Sog, die komödiantische Präzision, die nur funktioniert, weil das Ernste im Hintergrund mitschwingt. Ein Satz blieb hängen:

Ohne Lada wahrscheinlich auch kein Schwejk.

Prof. Stefan Samerski

Hašek und der Zeichner Josef Lada kannten und schätzten einander, und Lada gab Schwejk mit der runden Mütze, dem breiten Gesicht und der gelassenen Haltung jene ikonische Physiognomie, die Leser schon vor der ersten Zeile erkennen.

Ladas Zeichnungen sind keine bloße Beilage, sondern eine zweite Erzählebene. Sie übersetzen Hašeks mündlich gefügten Witz in klare Konturen, verdichten Milieu, Gestik und Takt des Humors, gewissermaßen die „Karikatur“ als prägnantes Destillat einer Figur, die aus dem Wirtshaus kommt und auf die Bühne drängt.

Kalender, Kanon, Karneval

Der 11.11. als närrischer Kipppunkt war mehr als eine Einstimmung, er diente als Spiegel der Schwejk‑Technik, die Verkehrung durch wörtliche Gehorsamkeit. Was im Karneval die Ordnung ins Rutschen bringt, wird bei Hašek zur Methode.

Das ernsthafte Ausführen des Unsinns, das den Unsinn enthüllt. Dass dieser Blick wieder „modern“ sei, begründete Samerski ohne Thesengewitter, sondern mit Beispielen, die das Publikum hörbar verstand.​

Bühne, Film und die Haltbarkeit des Witzes

Im zweiten Drittel weitete sich der Blick zur Rezeptionsgeschichte, deutsche Bühnen, Fernsehadaptionen, die Dauerkonjunktur einer Figur, die regelmäßig neu erfunden wird. Wenn Systeme verbürokratisiert sind, findet der Witz sein Publikum, und Schwejk ist die ideale Sonde.

Zwischen den Beispielen ließen sich Bausteine einer Poetik mitschreiben, Wörtlichnehmen, Übererfüllung, Verpuffung, Gegenrede durch präzisen Gehorsam. Wer zuhören wollte, lernte eine Technik der Komik, wer lachen wollte, bekam Proben dafür. So verband sich die „Schule des Witzes“ mit einem stillen Ernst, der die Antikriegslinie beglaubigt.​

Meine Nachbemerkung, Max Brod als Hebel

Die Frage, die mich begleitete, blieb außerhalb des Vortrags.

Wie wurde Hašek weltbekannt?

Henry Ertner

Prof. Samerski sprach darüber nicht, sein Fokus lag auf Figur, Sprache, Bühne, aber der Abend gab genug Fäden an die Hand, um den eigenen Verdacht zu prüfen.

Für den deutschsprachigen Raum führt der Weg zu Max Brod, ein Netzwerker zwischen Deutsch und Tschechisch, Kritiker und Herausgeber, der früh Hašek und vor allem „Schwejk“ ins deutsche Feuilleton und auf die Bühne brachte.

In Studien zur Prager Moderne erscheint Brod als Leitfigur kultureller Vermittlung, die tschechische Literatur im deutschen Diskurs verankerte, gerade im Zusammenhang mit „Schwejk“ wird seine Rolle als Initiator sichtbar. So erklärt sich, warum aus einem Prager Wirtshausroman Weltliteratur wurde. Hašeks Text, Ladas Bildsprache, die Bühne als Multiplikator und Brods Fähigkeit, Türen zu öffnen, Diskurse zu setzen und Begeisterung in institutionelle Öffentlichkeit zu verwandeln.

Prof. Stefan Samerski und die Sudetendeutsche Akademie arbeiten bereits an der nächsten Vortragsreihe für 2026. Es ist mir eine Freude, erneut dabei sein zu dürfen und die Vorfreude auf das kommende Jahr ist umso größer.

Deutsch https://www.henryertner.com/prof-samerski-ueber-schwejk/

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