Vier Abende lang hat Prof. Dr. Stefan Samerski mit „Phantastisches Böhmen“ die Türen zu einer Welt geöffnet, in der Märchen, Sagen und Literatur nicht nur erinnern, sondern verbinden über Zeiten, Sprachen und Grenzen hinweg, dafür gebührt ihm aufrichtiges Lob und herzlicher Dank.
Selten entfaltet eine Vortragsreihe eine derartige Mischung aus Gelehrsamkeit, atmosphärischer Dichte und erzählerischer Wärme wie „Phantastisches Böhmen“. Der thematische Bogen, von Preußlers Kindheitslandschaften über den unsterblichen Rübezahl und die „gespenstischen“ Erinnerungsorte bis zum braven Soldaten Schwejk, war präzise kuratiert und zugleich menschennah erzählt.
Wer an diesen Abenden im Adalbert‑Stifter‑Saal im Sudetendeutschenhaus in München saß, spürte: Hier werden nicht nur Texte und Stoffe vorgestellt, hier wird Kulturgeschichte als lebendige Gesprächsszene inszeniert, zwischen Böhmen und Bayern, Deutsch und Tschechisch, Erinnerung und Gegenwart.
Persönlich erfüllt mich große Dankbarkeit dafür, auf diese Reihe aufmerksam gemacht worden zu sein. Die Wege nach München waren jede Minute wert, denn hier wurde Begegnung zu einem Erlebnis des Denkens und Fühlens.
Hotzenplotz und Preußlers Kindheitsböhmen
Der Auftakt mit „Hotzenplotz“ führte eindringlich vor Augen, wie Otfried Preußlers Werk aus der Topografie Nordböhmens schöpft und Kindheitsräume in literarische Landschaften verwandelt, ein poetisches Gedächtnis, das über Generationen hinweg weiterwirkt.
Prof. Samerski zeigte, wie populäre Erzählungen, weit jenseits pädagogischer Etiketten, kulturelle Tiefenschichten berühren und dabei das Bild einer Region formen, deren Vielfalt und Ambivalenz in freundliche Ironie und tröstliche Heiterkeit überführt wird. So entstand ein Zugang, der zugleich professionell informiert und menschlich nahe ist, ein Lehrstück über die Kraft populärer Literatur im Dienst der Erinnerungskultur.
Rübezahl, die unbesiegbare Sagengestalt
Der zweite Abend mit Rübezahl öffnete das Resonanzfeld der Sagenwelt des Riesengebirges, in dem deutsche und tschechische Traditionen ineinandergreifen und die Figur des Berggeists immer neue Lesarten erlaubt.
Prof. Samerski verknüpfte Mythos, Landschaft und Identitätsbildung so, dass deutlich wurde, Rübezahl ist weniger Folklore als ein kulturelles Medium, in dem Grenzräume bewohnbar werden. Die Reaktionen machten spürbar, weshalb diese Figur bis in die Gegenwart hinein „lebt“, weil sie Fragen nach Zugehörigkeit, Naturerfahrung und humorvoller Distanz offenhält.
Geister in Kirchen und Burgen
Teil drei führte in Kirchen, Schlösser und Burgen, in Räume, die Erzählungen speichern und als „Architekturen der Erinnerung“ wirken, in denen Gespenster Metaphern für das Nachleben vergangener Erfahrungen sind. Hier verband Samerski kunst- und kirchengeschichtliche Perspektiven mit regionalen Überlieferungen und zeigte, dass Orte nicht nur Kulissen sind, sondern Akteure kultureller Selbstverständigung.
Der Adalbert‑Stifter‑Saal im Sudetendeutschen Haus bot dafür einen würdigen Rahmen, in dem sich wissenschaftliche Genauigkeit und erzählerische Anschaulichkeit gegenseitig beflügelten.
Schwejk als Ikone, Ironie und Identität
Der Abschluss mit „Schwejk“ ließ die satirische Moderne aufleuchten. Zwischen Nostalgie und subversiver Ironie wird Schwejk zur Projektionsfläche, an der sich Habsburg, Kriegserfahrung und mitteleuropäische Alltagsschlauheit brechen. Prof. Samerski las diese Weltfigur als offene Form, anschlussfähig für neue Kontexte, ohne den Witz und die Menschenfreundlichkeit des Originals zu verlieren. Gerade hier zeigte sich die pädagogische Kunst des Vortragenden, interpretieren, ohne zu vereinnahmen, erhellen, ohne zu vereinfacht zu erklären.
Ehre und Dank
Eine solche Reihe wird von starken Partnern getragen. Dank gebührt der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bundesverband e.V., der Sudetendeutschen Heimatpflege, der Ackermann‑Gemeinde in der Erzdiözese München und Freising, der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie der Sudetendeutschen Stiftung.
Ihre Zusammenarbeit, organisatorisch, ideell und kommunikativ, hat die Vorträge sichtbar gemacht und einen öffentlichen Raum für Verständigung geschaffen. Der Adalbert‑Stifter‑Saal im Sudetendeutschen Haus wurde so zum wiederkehrenden Treffpunkt einer wachsenden Gemeinschaft von Zuhörenden, Forschenden und Neugierigen.
Diese Reihe beweist, dass der Weg nach München kein Umweg, sondern eine Hinführung ist, zu Klarheit, Staunen und Gesprächen, die nach den Vorträgen weitergehen. Die Abende sind niederschwellig zugänglich und zugleich wissenschaftlich verlässlich. Wer kommt, erlebt gemeinsames Lernen im besten Sinne. Für viele wurde „Phantastisches Böhmen“ zu einem Fixpunkt im Kalender, ein Grund, sich Zeit zu nehmen und inmitten des Alltags neu zu hören und zu sehen.
Große Freude und Dankbarkeit gelten Prof. Dr. Stefan Samerski. Für die souveräne Kenntnisse, die präzise Dramaturgie und die stille Kunst, Fragen offenzuhalten, damit Publikum und Stoffe miteinander ins Gespräch kommen. Seine Fähigkeit, Motive zwischen Epochen, Sprachen und Gattungen zu verschalten, macht „Phantastisches Böhmen“ zu mehr als einer Vortragsreihe, zu einem Forum des kulturellen Erinnerns. Wer einmal dabei war, versteht, weshalb diese Form des Erzählens und Deutens Menschen zusammenschließt.
Einladung „Flüssiges Böhmen“
Die Fortsetzung „Flüssiges Böhmen“ startet am 27. April 2026 um 19 Uhr im Adalbert-Stifter-Saal im Sudetendeutschen Haus mit Teil 1 „Die Moldau“. Seien Sie dabei und entdecken Sie faszinierende Perspektiven auf die Natur und Kultur Böhmens mit Prof. Dr. Stefan Samerski. Es lohnt sich, nach München zu fahren und Teil dieser lebendigen Erinnerungskultur zu sein.
Deutsch https://www.henryertner.com/phantastisches-boehmen-aus-der-sicht-eines-deutschen-professors/
Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-fantasticke-cechy-ocima-nemeckeho-profesora-250103


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