Sprache und Identität bei der BKGE, eine Tagung, die Wissenschaftler aus Osteuropa zwei Tage lang in Oldenburg zusammenführte.

Am 14. und 15. November versammelte das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg Forschende, Lehrende und Studierende aus aller Welt zu einer zweitägigen Tagung “Transnationale Kommunikationsprozesse bei der Herausbildung kultureller Identitäten. Interkulturelle Verständigung, sprachliche Diversität und gesellschaftliche Integration im globalisierten universitären Diskurs”, die den vielschichtigen Zusammenhang von Sprache und Identität in den Mittelpunkt stellte.

Das BKGE war Gastgeber und schuf den Rahmen für intensive Debatten über interkulturelle Verständigung, sprachliche Diversität und Wege zur gesellschaftlichen Integration. PD Dr. Ellen Tichy (TU Berlin) und Prof. Dr. Brikena Kadzadej (University of Tirana) haben die Veranstaltung geplant, vorbereitet und durchgeführt. Herzlichen Dank für den sehr inspirierenden Raum, der dadurch entstanden ist.

Die Tagung folgte einem straffen Takt. Jeweils 20 Minuten Vortrag, 10 Minuten Diskussion, dann nahtlos weiter zum nächsten Programmpunkt. Eine dichte Abfolge, die eine beeindruckende thematische Fülle von Wissenschaftspolitik in Albanien über epistemische Modalität bis hin zu didaktischen Fragen mehrsprachiger Studienkontexte und vieles mehr bündelte.

Mehrsprachigkeit als Herausforderung in Bildungssystemen

PD. Dr. Ellen Tichy strukturierte mit ihrem Vortrag „Mehrsprachigkeit als Herausforderung in Bildungssystemen“ einen der inhaltlichen Höhepunkte des Programms und plädierte für einen Perspektivwechsel weg von Defizitdiagnosen hin zu einer ressourcenorientierten Gestaltung sprachlicher Vielfalt.

Tichy argumentierte entlang dreier Achsen, die Sichtbarkeit von Sprache im öffentlichen Raum und in Institutionen, pädagogische Praxis in Schulen sowie strategische Sprachpolitik an Hochschulen. Ausgangspunkt war die Einsicht, dass Mehrsprachigkeit eine gesellschaftliche Normalität ist, deren Anerkennung und Sichtbarmachung Bedingungen für Chancengerechtigkeit schafft.

Mehrsprachigkeit ist kein Defizit, sondern eine Kompetenz. Erforderlich ist ein Perspektivwechsel von einer Defizit zur Ressourcenorientierung, damit Schule sprachliche Vielfalt als Norm, Normalität und Stärke erlebt.

PD. Dr. Ellen Tichy

Sichtbarkeit und symbolische Ordnung, Linguistic Landscape als Prüfstein

Tichy las den öffentlichen Raum als einen pädagogischen Mittel. Unter dem Leitbegriff „Linguistic Landscape“ diskutierte sie amtliche, kommerzielle, künstlerische und kommemorative Beschriftungen als Indizes von Zugehörigkeit und Macht.

Offizielle Mehrsprachigkeit, etwa mehrsprachige Öffnungszeiten eines Touristeninformationszentrums in Sibiu / Hermannstadt markiert institutionelle Anerkennung („top-down“), während kommerzielle Beschriftungen in Berlin („bottom-up“) soziale Dynamiken und migrantische Ökonomien sichtbar machen.

Diese Sichtbarkeiten sind nicht neutral, Sie verweisen auf implizite Sprachhierarchien und auf die symbolische Anerkennung oder Marginalisierung von Gruppen. Tichy knüpfte daran Bourdieus Konzept symbolischer Macht, wonach Sprache soziale Ungleichheiten nicht nur spiegelt, sondern mit produziert und umgekehrt Anerkennung stiften kann, wenn Mehrsprachigkeit sichtbar und wertgeschätzt wird.

Schule zwischen monolingualem Habitus und translanguaging Praxis

Im schulischen Feld diagnostizierte Tichy den „monolingualen Habitus“, die institutionelle Selbstverständlichkeit, mit der eine dominante Unterrichtssprache als Norm gilt, während andere Sprachen als Abweichung verlaufen.

Die Folgen sind bekannt, die Kinder mit nicht-deutscher Erstsprache starten oft mit Benachteiligungen, ihre sprachlichen Ressourcen bleiben ungenutzt. Tichy plädierte für durchgängige Sprachbildung, sprachsensiblen Fachunterricht und translanguaging, den bewussten Einsatz des gesamten sprachlichen Repertoires der Lernenden, um Verständnis zu sichern und Wissen zu transferieren.

Beispiele aus der Schulpraxis, etwa mehrsprachige Willkommensbereiche und Klassenraumregeln, zeigen, wie bereits kleine, sichtbare Schritte Zugehörigkeit signalisieren und Lernprozesse stützen können.

Universität: Internationalisierung ja, Sprachpolitik oft nein

Besonders kritisch fiel Tichys Blick auf den Hochschulbereich aus. Während Englisch als Wissenschaftssprache dominiert, fehlen an vielen Universitäten umfassende Sprachpolitiken, die Mehrsprachigkeit strategisch fördern.

Tichy nannte fehlende mehrsprachige Willkommensgesten, heterogene Anforderungen an Fachsprache und akademisches Schreiben sowie zu wenig Supportstrukturen für Studierende mit nicht-dominanter Erstsprache. Empfohlen wurden institutionelle Sprachleitlinien, Ausbau von Sprach- und Schreibzentren, Peer-Formate sowie eine stärkere Sichtbarmachung der Herkunftssprachen im Campus-Alltag, als Signal der Anerkennung und als Ressource für Lehre und Forschung. Tichy endete ihren Vortrag mit folgenden Worten:

Der Umgang mit Mehrsprachigkeit ist ein Gradmesser für gesellschaftliche Offenheit und Demokratie. Gesellschaften, die Mehrsprachigkeit institutionell fördern und symbolisch anerkennend schaffen Voraussetzungen für soziale Teilhabe, Bildungsgerechtigkeit und kulturelle Vielfalt.

PD. Dr. Ellen Tichy

Mein eigener Beitrag: Sprache und Identität – Deutsch als Heritage Language im Riesengebirge

In meinem Beitrag „Sprache und Identität – Deutsch als Heritage Language im Riesengebirge“ skizzierte ich eine soziolinguistische und historische Untersuchung zur nahezu vollständigen Sprachverlust bei den nicht ausgesiedelten Sudetendeutschen.

Aufbauend auf 21 Interviews mit G1/G2 und einer Online-Erhebung in G3 zeigte ich, dass die dominierende Umgebungssprache Tschechisch über drei Generationen hinweg zu einem fast vollständigen Verlust der Deutschen Sprache in der Enkelgeneration führte, zugleich blieb eine positive emotionale Bindung an Deutsch als Teil der Familienidentität bestehen.

Theoretisch verankerte ich den Beitrag im Heritage-Language-Konzept (Valdés,  Polinsky, Kagan) und überprüfte die verbreitete Annahme des Drittgenerationsverlusts, der sich im untersuchten Korpus bestätigt:

Es ist zu einem nahezu vollständigen Sprachverlust gekommen.

Dr. des. Henry Ertner

Historische und erinnerungskulturelle Kontexte, von den Erfahrungen nach 1945 über Stigmatisierungen bis zu heutigen positiven Einstellungswandel, rahmten die Daten und zeigten, wie Sprache und Identität als Ressource der Zugehörigkeit aktiv gepflegt werden muss, wenn sie in Familien und Gemeinschaften fortbestehen soll.

Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) als Ermöglicher

Dass solche Diskussionen verdichtet stattfinden konnten, lag an der Organisation durch PD Dr. Ellen Tichy (TU Berlin) und Prof. Dr. Brikena Kadzadej (University of Tirana) unterstütz durch das BKGE, vertreten durch Dr. Ekkehard W. Haring, das die Plattform und vor allem Räume für die transnationale Begegnungen bereitstellte.

Als sichtbarer Katalysator brachte die Tagung Stimmen aus Deutschland, der Schweiz, Albanien, dem Kosovo, Griechenland, Nordmazedonien, der Slowakei und Kroatien zusammen und verwandelte Oldenburg für zwei Tage in ein Labor interkultureller Verständigung.

Impulse für Austausch, Forschung und Zukunft – Danke an alle Beteiligten

Zum Schluss mein herzlicher Dank, an PD Dr. Ellen Tichy (TU Berlin) für die klare, forschungsnahe und zugleich praxisorientierte Argumentation, an Prof. Dr. Brikena Kadzadej (University of Tirana) für die Mitgestaltung des Programms und die inhaltliche Rahmung, sowie an das BKGE. Ich komme gerne wieder, ein Austausch in diesem Sinne ist äußerst sinnvoll und bereichernd.

Besonders nachhallend bleibt Tichys Leitgedanke: „Mehrsprachigkeit ist kein Defizit, sondern eine Kompetenz.“ ein Auftrag an Schulen, Hochschulen und die Gesellschaft, Sprache sichtbar, gerecht und zukunftsfähig zu gestalten.

Deutsch https://www.henryertner.com/mehrsprachigkeit-als-bildungsauftrag/

Engslih https://medium.com/@henryertner/multilingualism-as-an-educational-mandate-643008757e71

Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-mnohojazycnost-jako-ukol-vzdelavani-209288


0 Kommentare zu „Mehrsprachigkeit als Bildungsauftrag“