Die germanistischen Dissertationen der Prager deutschen Karl Ferdinand Universität 1882–1945 eröffnen ein faszinierendes Forschungsfeld.
Die germanistischen Dissertationen der Deutschen Universität Prag sind ein außergewöhnlich reiches, zugleich aber lange nur schwer zugängliches Quellenkorpus. Sie spiegeln nicht nur die Entwicklung der Germanistik in einem mehrsprachigen, politisch und kulturell komplexen Raum wider, sondern auch die Geschichte einer Universität, die im Spannungsfeld zwischen deutscher, tschechischer und mitteleuropäischer Wissenschaftskultur stand.
Für mich ist dieses Thema nicht nur ein Gegenstand historischer Forschung, sondern auch ein lebendiger Teil meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit nach dem erfolgreichen Abschluß meiner Promotion die zur Identifikation dieses Thema beigetragen hat.
Im Rahmen einer Übung an der Universität Augsburg werde ich mich gemeinsam mit Studierenden mit diesen Quellen beschäftigen um dabei zu erleben, wie sehr solche Bestände Interesse, Neugier und Forschungsdrang wecken können.
Die Teilung von 1882
Die Geschichte der Deutschen Universität Prag ist eng mit der Teilung der alten Karl-Ferdinand Universität im Jahr 1882 verbunden. Aus der ursprünglichen, jahrhundertealten Institution gingen zwei getrennte Universitäten hervor: eine k.k. deutsche Karl-Ferdinand Universität und eine k.k. böhmische Karl-Ferdinand Universität.
Diese Aufspaltung war mehr als ein organisatorischer Akt. Sie markierte einen tiefgreifenden Einschnitt in der Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte Böhmens und veränderte die Bedingungen akademischer Arbeit dauerhaft.
Für die Germanistik bedeutete dies einerseits die Möglichkeit einer klareren fachlichen Profilierung, andererseits aber auch die Einbindung in die politischen und nationalen Konflikte der Zeit. Gerade deshalb sind die Dissertationen dieser Epoche so wertvoll, sie dokumentieren nicht nur Fachgeschichte, sondern auch die geistige Atmosphäre einer ganzen Epoche.
Die Germanistik an der Deutschen Universität Prag entwickelte sich zu einem eigenständigen und leistungsfähigen Fach. In den Dissertationen zeigt sich eine erstaunliche thematische Breite. Sie reichen von sprachhistorischen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten über dialektologische und onomastische Studien bis hin zu Untersuchungen zu Kultur, Volkskunde und regionaler Sprachgeschichte. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild der Prager Germanistik als eines Faches, das wissenschaftliche Präzision mit starker regionaler Verankerung verband.
Die Professoren
Die Entwicklung des Faches lässt sich besonders gut an den Professoren verfolgen, die über Jahrzehnte hinweg die Prager Germanistik geprägt haben. Johann Nepomuk von Kelle gilt als eine der Gründungsfiguren der germanistischen Wissenschaft in Prag. Er stand für Kontinuität und institutionellen Aufbau in einer frühen Phase des Faches.
August Sauer prägte die germanistische Forschung mit großem wissenschaftlichem und organisatorischem Einfluss, er war nicht nur Lehrer vieler Studierender, sondern auch ein entscheidender Motor für die Modernisierung des Faches.
Primus Lessiak brachte als Sprachforscher und Dialektologe neue methodische Impulse ein und erweiterte die Perspektive auf Sprachkontakt, Namenforschung und Sprachgeographie.
Erich Gierach und später Ernst Schwarz führten die Prager Germanistik in eine Phase, in der Fragen der Volkskunde, Dialektologie und regionalen Sprachgeschichte eine besondere Rolle spielten.
Zusammengenommen bilden diese Professoren ein wissenschaftliches Kontinuum, das die Dissertationen nicht nur betreute, sondern auch inhaltlich und methodisch prägte.
Die Dissertationen
Die Übersicht über die geschriebenen Dissertationen eröffnet ein beeindruckendes Bild wissenschaftlicher Produktivität. Für die Zeit zwischen 1882 und 1945 lassen sich insgesamt 1844 Arbeiten ander Philosophischen Fakultät nachweisen, davon 934 in der Germanistik, ein erheblicher Teil von 467 Arbeit ist erhalten und heute archivalisch greifbar.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Dissertationen nicht nur ein quantitatives Zeugnis akademischer Arbeit sind, sondern auch ein qualitatives Archiv von Themen, Methoden und intellektuellen Interessen darstellen.
Einige Arbeiten stehen exemplarisch für die Breite des Spektrums. Frühere Dissertationen konzentrierten sich häufig auf klassische philologische Fragestellungen, historische Sprachstufen oder literarische Autorinnen und Autoren.
Später treten stärker regionale und kulturgeschichtliche Themen in den Vordergrund, etwa Untersuchungen zu Ortsnamen, Mundarten, Sprachinseln oder deutsch-slawischen Kontaktzonen.

1910 – Edmund Schneeweis – Die deutschen Lehnwörter im Tschechischen
Gerade diese Verbindung von Germanistik, Kulturgeschichte und Raumforschung macht die Prager Dissertationen so spannend. Sie sind nicht bloß akademische Pflichtübungen, sondern Ausdruck eines Forschungsinteresses an den Beziehungen zwischen Sprache, Geschichte und Identität.
Für die heutige Forschung ist auch die Überlieferungssituation bedeutsam. Die Arbeiten liegen im Archiv und sind eher schwer zugänglich und sollten erst erschlossen werden.
Genau hier liegt der besondere Wert der systematischen Aufarbeitung. Denn erst durch Digitalisierung, Katalogisierung und wissenschaftliche Kommentierung wird aus einer verstreuten Überlieferung ein nutzbarer Forschungsbestand. Die Dissertationen werden dadurch nicht nur bewahrt, sondern neu lesbar gemacht.
Wissenschaftlicher Wert heute und die Abgrenzung zu NS-Zeit
Der Blick auf diese Dissertationen ist nicht nur historisch interessant, sondern auch für aktuelle Forschungsfragen aufschlussreich. Wer sich mit Mehrsprachigkeit, kulturellem Austausch, Wissensgeschichte oder der Entwicklung der Geisteswissenschaften in Mitteleuropa beschäftigt, findet hier ein hoch ergiebiges Material.
Gerade in einer Zeit, in der Fragen nach kultureller Erinnerung, regionaler Identität und transnationalen Verflechtungen wieder an Bedeutung gewinnen, können diese Arbeiten neue Perspektiven eröffnen.
Auch die Auseinandersetzung mit den Jahren 1933 bis 1945 verlangt besondere Sensibilität. Die Deutsche Universität Prag war in dieser Zeit zunehmend von den politischen Entwicklungen geprägt. Das bedeutet, dass die Dissertationen jener Jahre nicht losgelöst von ihrem historischen Kontext gelesen werden dürfen.
Zugleich wäre es zu kurz gegriffen, sie pauschal auf ihre politische Umgebung zu reduzieren. Wissenschaftliche Genauigkeit, Quellenkritik und historische Kontextualisierung bleiben daher unerlässlich.
Ausblick
Die Prager Germanistik 1882 bis 1945 ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie eng Wissenschaft, Sprache, Geschichte, Kultur und Identität miteinander verflochten sind. Diese Dissertationen sind nicht nur alte akademische Arbeiten, sondern Zeugnisse einer geistigen Landschaft, die bis heute Fragen stellt und die neue Entdeckungen ermöglicht.
Für mich ist dieses Themenfeld ein langfristiges Projekt. Die Beschäftigung mit den Prager germanistischen Dissertationen ist kein einmaliges Vorhaben, sondern ein Forschungsraum, der sich Schritt für Schritt weiter öffnet.
Sowohl meine Arbeit an der Universität Augsburg, im ForumOST, als auch mein Blog werden sich in der Zukunft noch stärker mit dieser Thematik befassen, mit einzelnen Professoren, ausgewählten Dissertationen, archivalischen Fragen und den größeren historischen Zusammenhängen. Gerade in der Verbindung von Forschung, Lehre und öffentlicher Vermittlung liegt der besondere Reiz dieses Projekts.
Deutsch https://www.henryertner.com/germanistik-an-der-prager-deutschen-universitaet/
Quellen
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