Erinnern, verstehen, versöhnen: David Heydenreichs Vortrag zum 80. Jahrestag des Brünner Todesmarschs zeigte, wie Verantwortung Zukunft schafft.

Das ASA-Seminar „80 Jahre Kriegsende und Beginn der Vertreibungen“ im Oktober 2025 am Heiligenhof widmete sich mit einzigartiger Tiefe der historischen Aufarbeitung und Erinnerung. Einer der prägendsten Kapitel der deutsch-tschechischen Geschichte ist der Brünner Todesmarsch von 1945.

Im Mittelpunkt stand der Vortrag von David Heydenreich, Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit und Projekte der Sudetendeutschen Landsmannschaft, dessen inhaltliche Klarheit, Empathie und differenzierter Rückblick die Teilnehmer nachhaltig bewegten.

Lernen statt gegenseitiger Anklage

Heydenreich machte bereits zu Beginn klar, dass die Beschäftigung mit der Geschichte nicht der gegenseitigen Anklage dienen dürfe, sondern einem gemeinsamen Lernen.

Erinnerung darf nicht zur Anklage werden, aber sie darf auch nicht verstummen.

David Heydenreich

Die Vertreibung der Brünner Deutschen sei kein irrationaler Volkszorn gewesen, sondern eine staatlich geduldete und organisierte Aktion. In den dramatischen Maitagen 1945 seien die Schwächsten der Gesellschaft, vor allem Frauen, Kinder und Alte, schlagartig zu Fuß Richtung Süden getrieben worden. Es waren in etwa 27.000 Menschen.

Innerhalb weniger Stunden wurde ein erheblicher Teil der deutschen Stadtbevölkerung auf die Straße getrieben und Richtung österreichischer Grenze deportiert. Konkret begann alles mit einem Beschluss des Brünner Nationalausschusses zur Evakuierung der deutschen Bevölkerung. In der offiziellen Kundmachung hieß es, Zitat:

Alle Deutschen, die nicht arbeitsfähig sind, sowie Frauen und Kinder, werden aus der Stadt entfernt.

David Heydenreich

Die Not der Opfer, die Zeitzeugenberichte

Besonders bedrückend schilderte Heydenreich mit Hilfe zahlreicher Zeitzeugenberichte, die in dem Buch „Der Brünner Todesmarsch 1945“ von Heimatverband BRUNA herausgegeben wurden, die existenzielle Not der Opfer:

Alte Menschen fielen hin. Wer nicht mehr konnte, blieb liegen. Niemand durfte helfen …

David Heydenreich

Angekommen sind nicht ganz 22.000 Menschen. Ende Mai, als alle gefeiert haben, der Krieg war vorbei, nicht für diese Menschen.

Perspektive der Versöhnung

Den Übergang zur Versöhnungshoffnung schlug Heydenreich zum Ende seines Vortrags.

Versöhnung bedeutet in dem Zusammenhang nicht, Schuld zu personalisieren oder zu übertragen, sondern bedeutet, die historische Wahrheit als Grundlage für ein friedliches Miteinander in Europa anzuerkennen. 80 Jahre nach Ende des Krieges ist es unsere Aufgabe, nicht mit dem Finger auf Schuldige zu zeigen, sondern die Geschichte klar zu benennen, damit sie nicht vergessen wird.

David Heydenreich

Die seit 2015 jährlich stattfindenden Versöhnungsmärsche in Brünn und das Festival Meeting Brno sieht auch Heydenreich als bedeutende gesellschaftliche und moralische Geste.

Eigene Erfahrung beim Versöhnungsmarsch

Dem kann ich mich auch anschließen, ich habe nämlich am eigenen Leib erfahren, wie es war.

Am 31. Mai 2025 bin ich 30 Kilometer von Pohrlitz nach Brünn gelaufen. Nicht allein, sondern in Gemeinschaft, im Rahmen der Veranstaltung Meeting Brno. Es war anstrengend, die Sonne brannte, der Schweiß lief, die Muskeln brannten. Aber ich bin dankbar und glücklich, dass ich diesen Weg mitgegangen bin, diesen Weg des Erinnerns, diesen Weg des Vergebens. Vergessen bedeutet nicht vergeben. Vergeben heißt nicht, Schuld ungeschehen zu machen. Vergeben bedeutet, die Ketten des Hasses zu sprengen, die uns sonst weiter aneinanderfesseln. Vergeben bedeutet, die Vergangenheit anzuerkennen und doch den Blick nach vorn zu richten. Brücken bauen, nicht Mauern errichten.

Henry Ertner

Bedeutung für die Erinnerungs- und Versöhnungskultur

Die systematische Vertreibung und Nachkriegsgewalt waren Folge von Entscheidungen, nicht blinde Wut. Erst seit den 1990er Jahren, mit Öffnung der Archive und zivilgesellschaftlichem Engagement, wurde die erinnerungspolitische Aufarbeitung greifbar. Der Höhepunkt, die symbolische Bitte um Vergebung der Stadt Brünn 2015 und die seitdem wachsende internationale Resonanz auf dem Meeting Brno. Heute ist der Brünner Todesmarsch nicht nur eine Mahnung, sondern auch Grundlage für den Dialog der Generationen.

Deutsch https://www.henryertner.com/erinnerung-verantwortung-und-versoehnung-david-heydenreichs-vortrag-zum-80-jahrestag-des-bruenner-todesmarschs/

English https://medium.com/@henryertner/remembrance-responsibility-and-reconciliation-david-heydenreichs-lecture-on-the-80th-anniversary-e7dd507b5909

Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-vzpominka-odpovednost-a-smireni-prednaska-davida-heydenreicha-k-vyroci-brnenskeho-pochodu-smrti-204524


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