Die Geschichte der Familie Fischl, jüdische Prager Unternehmer, deren Spuren und Leben komplett verschwanden.

Vor ein paar Tagen bin ich aufgewacht, oder vielleicht träumte ich weiter? Bei mir im Zimmer standen Robert und Irma Fischl und hatten eine einfache Bitte.

Henry, du bist derjenige, der unsere Lebensgeschichte erzählen kann.

Robert und Irma Fischl

Ja, das kann ich, habe ich geantwortet. Sie baten mich, ihre Geschichte zu erzählen, und versprachen mir dafür finanzielle Unterstützung. Ich habe in dem Moment, in meinem Zimmer am Bodensee versprochen, dass ich ihre Geschichte in allen drei Sprachen veröffentlichen werde.

Mit der Zeit verstand ich, warum die beiden zu mir kamen. Alle Spuren sind einfach weg, das Video über die Firma bei Česká televize, der Artikel im Magazin Klub, alles gelöscht, und das Schlimmste, die schöne Villa wurde abgerissen.

Dieser Beitrag ist die Geschichte einer jüdischen Familie aus Böhmen.

Eine Villa wächst aus einem Feld

Diese Geschichte beginnt 1921 auf einem Stück Ackerland der alten “Usedlost Zátorka” (Bauernhof) in Prag Bubeneč, wo damals noch keine Stadtviertel, keine Botschaften, kein „guter Bezirk“ zu erahnen waren.

Der Weinhändler Robert Fischl kauft dort ein Grundstück, acht Jahre lang wird geplant, gebaut, genehmigt, bis 1929 schließlich die Villa fertig ist und die Familie einzieht. Nebenan lässt der Vetter und Geschäftspartner Max Fischl ebenfalls ein Wohnhaus errichten, ein kleines jüdisches Familienuniversum, in dem Kinderlachen, Dienstboten, Gäste und ein störrischer Foxterrier den Alltag füllen.

Robert Fischl ist zu diesem Zeitpunkt ein typischer Vertreter der optimistischen ersten Republik. Geboren 1886 in Karlín, gut ausgebildet, Absolvent Prager Handelsakademie, Offizier der Reserve und erfolgreicher Inhaber eines Wein-Großhandels.

Seine Pässe tragen die Spuren intensiver Reisen „in den Süden“, dorthin, wo die Weine herkommen, seine Steuerakten bezeugen einen korrekten, prosperierenden Unternehmer der Zwischenkriegszeit. 1923 wird Tochter Margot geboren, Sohn Harry, Jahrgang 1913, ist schon 10 Jahre da, und die Villa wird zum Zuhause einer wachsenden Familie, zum Ort von Einladungen, Gesprächen, Geschmack, Musik und Hoffnung.

Erfolg, Innovation und erste Schatten

Mitten in der Weltwirtschaftskrise 1933 gelingt Robert Fischl ein Meisterstück. Er verbindet sein Unternehmen mit der Konkurrenz und gründet mit Tauber zusammen eine gemeinsame Firma, Tauber & Fischl, die zur wichtigen Adresse im Weinhandel der Tschechoslowakei wird.

Die Bedeutung zeigt sich sogar darin, dass ein dokumentarischer Filmbeitrag über das Unternehmen gedreht wurde, ein seltenes filmisches Echo auf jüdisches Wirtschaftsleben der Zwischenkriegszeit.

Gleichzeitig denkt Fischl weiter nach vorne und beantragt eine Konzession für die Produktion eines neuen Getränks, ein Mischgetränk auf Alkoholbasis mit Sodawasser, inspiriert von ausländischen Vorbildern und auf dem heimischen Markt bis dahin unbekannt.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten wird ihm die Konzession erteilt, und in Vysočany beginnt die Produktion. Wieder zeigt sich der Unternehmer als Innovator, der Risiken eingeht und neue Wege sucht.

Während in der Villa die Kinder größer werden und Irma gelegentlich ihren Mann auf Reisen begleitet, verändern sich jenseits der Grundstücksgrenzen Europa und die politische Atmosphäre. 1933 wird Hitler Reichskanzler, die NSDAP festigt ihre Macht, und in Deutschland treten die Nürnberger Gesetze in Kraft, deren rassistische Logik bald auch in Böhmen und Mähren gelten wird.

Die langsame Enge und die verpasste Rettung

1938, im Jahr des Münchener Abkommens und der „Reichskristallnacht“, steigt der Geschäftspartner Tauber aus der gemeinsamen Firma aus und bringt sich ins Ausland in Sicherheit, ein Ausdruck jenes Instinkts, der vielen anderen, darunter Robert und Irma, nicht stark genug war.

Im Februar 1939 bemüht sich die Familie Fischl zwar noch um Auswanderung nach Palästina, doch aus der Perspektive der späteren Dokumente wirkt der Antrag zu spät gestellt, zu nah an der völligen Übernahme der Rest-Tschechoslowakei durch das nationalsozialistische Deutsche Reich im März.

Robert Fischl versucht, die Firma formal zu schützen, indem er sie auf einen „arischen“ Prokuristen überträgt, sodass sie nicht als jüdisches Unternehmen geführt wird, ein letztes Aufbäumen unter den Zwangsbedingungen der Protektoratsverwaltung. Dennoch wird das Leben enger, 1940 muss die Familie die großzügige Villa verlassen und in eine kleine Wohnung in den Prager Vinohrady ziehen, Robert lebt „von Ersparnissen“, das Auto ist abgegeben, und jeder Verwaltungsakt trägt die unsichtbare Überschrift „Jude“.

Die Protektoratsverordnungen, vom Judenstern bis zu Sperrzonen und Berufsverboten, durchdringen das Leben, während im Hintergrund die Maschinerie des Holocaust ihre tödliche Effizienz gewinnt.

Transport ohne Wiederkehr

Am 4. August 1942 besteigen Robert und Irma Fischl sowie ihre Tochter Margot den Transport AAz nach Osten, offiziell zu einer „Aussiedlung“ und „Arbeitszuweisung“. Wie viele andere glauben sie noch, dass es sich um eine Verlagerung, um Arbeitslager, um irgendeine Form von Überleben handeln könnte, ein fataler Irrtum, der bewusst von den Tätern geschürt wird, bis hin zu erzwungenen Briefen, die daheimgebliebene Angehörige in trügerischer Sicherheit wiegen sollen.

Ihr Ziel ist der Vernichtungslager Maly Trostinec bei Minsk in Belarus, ein Ort, an dem von Transporten häufig kaum jemand die ersten 24 Stunden überlebt. Robert, Irma und Margot werden unmittelbar nach der Ankunft ermordet, wahrscheinlich in Gaswagen, mobilen Gaskammern.

Die Villa in Bubeneč, in der einst Gäste bewirtet wurden und ein eigenwilliger Foxterrier gelegentlich in die Knöchel biss, gehört inzwischen anderen. Die Besitzverhältnisse werden im Krieg und danach mehrfach gedreht, bis kaum jemand noch weiß, wer hier gelebt hat.

Sohn Harry: ein Leben über mehrere Namen 

Der Sohn Harry entgeht den frühen Transporten, weil ihn seine erste Ehe mit einer Deutschen zwischen 1942 und 1944 vor der Deportation schützt. Er wird erst im Februar 1945 nach Theresienstadt gebracht, in einer Phase, in der Auschwitz bereits befreit ist und die Chancen, den Krieg zu überleben, höher liegen als bei den früheren Transporten, trotzdem bleibt es ein knapper, hasardartiger Aufschub.

Nach dem Krieg kehrt Harry in ein Land zurück, das seine Eltern und seine Schwester verloren hat, aber ihm formal zumindest einen Teil des Eigentums zurückerstattet. 1946 nimmt er den Namen Vltavský an, ein bewusstes Bekenntnis zum tschechischen Raum, bevor ihm der „Vítězný únor“ 1948 und die kommunistische Machtübernahme den Besitz erneut entreißen.

1949 flieht er mit Steffi, der Berliner Jüdin, die im Krieg in Prag Zuflucht gefunden hatte und zu seiner Partnerin fürs Leben wurde, in den Westen und weiter nach Australien, wo sie ein neues Leben aufbauen.

Sydney, gelbe Aktentasche und lange Freundschaft 

In Sydney begegnet Harry Bořek Šindler, der ihn später in einem Sokol Artikel liebevoll, aber auch ironisch beschreibt. Aus dem Prager „Fischl“ war über den patriotischen „Vltavský“ schließlich „Vernon“ geworden, ein Name, der die Stationen Prager Bürger, Überlebender, Emigrant und Australier in sich trägt.

Šindlers Erinnerungen erzählen von einem Mann mit gelber Aktentasche, von gemeinsamen Freundschaft, von einer alt gewordenen Steffi, die in Sydney immer noch tschechischen Liedern lauschte und damit eine zerbrochene Welt im Inneren aufbewahrt.

Diese persönlichen Miniaturen, Notizen, Lächeln über Sprachverformungen und Alltagsgesten sind oft die einzigen Fenster, durch die die Emotionalität der Biographie noch zu uns hinüberreicht, weil sie den abstrakten Begriff „Überlebender“ wieder in einen konkreten Menschen zurückverwandeln.

Nachkrieg und Nachleben der Villa 

Nach 1945 dient die Villa zunächst erneut als Wohn- und Repräsentationsort, wird nach der Verstaatlichung schließlich zwischen 1957 und 1991 zur Residenz der kubanischen Botschaft. Nach der Samtenen Revolution erhält Harry, inzwischen als Vernon im Ausland lebend, das Haus durch Restitution zurück, nur um mitzuerleben, wie es zu einem Objekt von Mietverhältnissen, Büros und Clubs wird.

Dass die Villa mittlerweile abgerissen ist, wirkt wie ein letzter Bruch mit der materiellen Erinnerung. Kein Haus mehr, kein Schild am Tor, kein Fenster, durch das man sich die Familie vorstellen könnte. Aber die Geschichte, die in Archiven, Steuerakten, Passstempeln, Transportlisten, Erinnerungsartikeln und in einem Vortrag am 8. Oktober 2013, dem 127. Geburtstag Robert Fischls, rekonstruiert wurde, ist nicht zerstört. Sie lebt weiter und fordert geradezu, öffentlich erzählt zu werden, nicht nur in Tschechisch, sondern auch in Deutsch und Englisch, so wie das Leben der Fischls selbst über Sprach- und Landesgrenzen hinweg verlief.

Warum diese Geschichte heute erzählt werden muss

Die Lebensgeschichte der Familie Fischl ist exemplarisch und einzigartig zugleich. Exemplarisch, weil sie den Weg einer assimilierten jüdischen Bürgerfamilie durch Aufstieg, Integration, Ausgrenzung und Vernichtung typologisch nachzeichnet.

Einzigartig, weil sie an konkrete Namen, Adressen, Berufe, Gesichter gebunden ist. In einer Zeit, in der Artikel verschwinden, Videos offline gehen und Häuser abgerissen werden, sind gerade solche biographischen Rekonstruktionen ein Gegengift gegen das Vergessen, präzise, quellenbasiert, aber getragen von Empathie.

Wenn heute Robert und Irma „zurückkehren“, sei es in einem Traum oder in der hartnäckigen inneren Stimme, die sagt: „Du kannst unsere Geschichte erzählen“, dann richtet sich dieser Auftrag letztlich an uns alle.

In diesem Sinn ist jede neu erzählte Version ihrer Geschichte ein kleiner Baustein für die Gestaltung einer Zukunft, in der der Satz „sie wurden einfach ausgelöscht“ nicht das letzte Wort bleibt.

Aus der Vergangenheit lernen heißt hier nicht, eine abstrakte „Lehre aus der Geschichte“ zu zitieren, sondern konkrete Lebenswege sichtbar zu machen, damit künftige Entscheidungen über Städtebau, Erinnerungspolitik, Flucht, Zugehörigkeit und Menschlichkeit nicht im luftleeren Raum getroffen werden.

Mindestens ein Stolperstein sollte organisiert werden, um an Robert Fischl, seine Frau Irma Fischlová und Tochter Margot Fischlová zu erinnern.

Dieser Beitrag ist ein Zeichen der Ehre und Erinnerung an die Familie Fischl, für ihre Lebensgeschichte, ihren Mut und ihre Spuren, die trotz allem weiterleben.

Deutsch https://www.henryertner.com/eine-juedische-villa-und-familie-die-spurlos-verschwanden/

English https://medium.com/@henryertner/a-villa-and-a-family-that-vanished-without-a-trace-9dedef7e3272

Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-zidovska-vila-a-rodina-ktere-zmizely-beze-stop-219497


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