Zuhören, Erinnern und Brücken bauen: Mein Erfahrungsbericht zum ASA-Seminar über Flucht, Vertreibung und Versöhnung im deutsch-tschechischen Raum.
Am Wochenende vom 10. bis 12. Oktober 2025 durfte ich am ASA-Seminar in Bad Kissingen teilnehmen, nicht nur als stiller Zuhörer, sondern als jemand, der die Eindrücke der Begegnungen, Vorträge und Ausstellungen für sich reflektiert und zu Papier bringt. Die Atmosphäre im gut besetzten Saal war geprägt von Dichte und Aufmerksamkeit, von der Bereitschaft, zuzuhören und eigene Standpunkte zu hinterfragen.
Luděk Pachman und der Weg der Versöhnung
Ein besonders eindringlicher Moment des Seminars war der Videobeitrag mit dem Schachgroßmeister Luděk Pachman. Ich lauschte seinen Worten über das erlebte Grauen und die politische Instrumentalisierung des Nachkriegselends mit einer Mischung aus Beklommenheit und Respekt.
Pachman erzählte offen von den Maßnahmen Beneš‘ und den Vereinbarungen mit Stalin, die zum tragischen Schicksal der deutschen Minderheiten führten. Seine Stimme war nicht die eines Anklägers, sondern die eines Zeitzeugen, der das Unrecht benennt und zugleich betont, wie wichtig differenzierte Erinnerung ist. Seine persönlichen Erlebnisse – die Gefahr, das Exil, das Gefühl, Heimat im doppelten Sinne verloren und wiedergefunden zu haben – spiegeln den Bruch und die Suche nach Versöhnung, die viele im Grenzraum bis heute bewegt.
Für mich wurde in diesem Moment deutlich, wie nah Erzähltes und eigenes Erinnern beieinanderliegen, wie entscheidend es ist, Geschichte nicht nur als Sammlung von Fakten, sondern als Anstoß zu Empathie, Verantwortung und persönlicher Stellungnahme zu begreifen.
Die Kraft der Erinnerung: Annelies Schwarz liest
Besonders bewegend war die Lesung von Annelies Schwarz aus ihrem Jugendbuch „Wir werden uns wiederfinden“. Ihre Schilderungen von Flucht, Angst und Momenten echter Menschlichkeit, etwa als ein tschechischer Bauer in größter Gefahr ein Brot reichte, machten spürbar, wie viel Kraft im Erinnern und im Brückenbauen steckt. Ihr Plädoyer für Mitgefühl und Dialog bleibt hängen: „Die Welt braucht mehr Pavelkas.“ Ihre Erzählungen haben mich nicht nur intellektuell, sondern auch persönlich angesprochen, da ich selbst im selben Grenzraum aufgewachsen bin und die Parallelen zu den Geschichten meiner eigenen Familie erkenne.
Unsichtbare Stärke: Ausstellung „Ungehört – Die Geschichte der Frauen“
Beeindruckt hat mich darüber hinaus der Beitrag von Frau Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch, die Ausstellung „Ungehört – Die Geschichte der Frauen, Flucht, Vertreibung, Integration“ präsentierte. Die Berichte von weiblicher Lebensleistung, angesichts Gewalt, Internierung und Neuanfang, zeigen, wie sehr Frauen über sich hinauswachsen mussten. Die Ausstellung war für viele eine Einladung, die eigene Perspektive zu erweitern und hinzusehen, wo Geschichte meist unsichtbar bleibt.
Historische Linien: Oder–Neiße als politische Realität
Im Vortrag von Dr. Michael Hartenstein zur Oder-Neiße-Linie wurde die historische Tragweite der Grenzverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich. Hier verlagerte sich der Blick von den individuellen Schicksalen auf die großen politischen Zusammenhänge. Geschichte ist nicht nur Rückschau und Schuldzuweisung, sie lädt zur Selbstbefragung und einem kritischen, empathischen Umgang mit Vergangenheit ein.
Bewegtes Erinnern: Der Brünner Todesmarsch und der Marsch der Versöhnung
David Heydenreichs Vortrag erinnerte eindrücklich daran, dass der Brünner Todesmarsch kein spontaner Akt des Volkszorns war, sondern organisiert und in staatlicher Duldung erfolgte. Das Miterleben des Versöhnungsmarsches war für mich nicht nur eine physische Erfahrung, sondern ein starkes Symbol für gemeinsames Erinnern, Aushalten und den Willen zur Verständigung. Die Botschaft dieses Tages: Nur das offene Gespräch, der ehrliche Umgang mit Erinnerung, kann neue Brücken schaffen.
Mein Resümee, die Inspiration zwischen den Zeilen
Für mich sind die ASA-Seminare keine bloßen Veranstaltungen des Rückblicks, sondern echte Quellen der Inspiration. Die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, Integration und die vielen kleinen und großen Momente von Mitmenschlichkeit, Mut und Versöhnung begleiten mich und prägen mein Schreiben, als einen Beitrag zu mehr Verständigung und Solidarität im deutsch-tschechischen Grenzraum. Ich komme gerne wieder!


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