Frauen schaffen Brücken, eine Ausstellung, die zeigt, wie Mut und Zusammenhalt nach Flucht und Verlust Wege in eine offene, versöhnliche Zukunft ebnen.
Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch sprach im ASA-Seminar über die Ausstellung „Ungehört – Die Geschichte der Frauen. Flucht, Vertreibung, Integration“. Entstanden am Haus des Deutschen Ostens in München, widmet sich diese Wanderausstellung bis heute einem oft vernachlässigten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, den Erfahrungen und Leistungen von Frauen bei Flucht, Vertreibung und Integration nach 1945. Meinen Beitrag fange ich mit einem der letzten Sätze von Frau Prof. Neri-Ultsch:
„Lange Zeit wurden die Lebensleistungen und Schicksale der Frauen in der Forschung und Öffentlichkeit vernachlässigt. Mit dieser Präsentation wird deutlich, wie Frauen in einer entbehrungsreichen Zeit über sich hinauswuchsen, Verantwortung für ihre Familien übernahmen und durch Arbeit, Engagement und Zusammenhalt den Neuanfang in der Bundesrepublik aktiv gestalteten.“
Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch
Frauen zwischen Heimatverlust und Neuanfang

Die Ausstellung stellt exemplarisch sechs Zeitzeuginnen aus verschiedenen Regionen des ehemaligen deutschen Ostens in den Mittelpunkt. Sie stammen aus Mähren, Oberschlesien, Pommern, der Batschka und Ostpreußen. Diese Frauen mussten als Kinder oder Jugendliche den Verlust ihrer Heimat erleben und gleichzeitig mit großem Mut und Stärkung ihrer Familien neu beginnen. Prof. Neri-Ultsch erklärt:
„Während und nach dem Zweiten Weltkrieg haben ja ca. 12 Millionen deutsche Staatsangehörige und auch Angehörige der deutschen Minderheiten, die im östlichen und südlichen Europa lebten, durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren. Knapp zwei Millionen von ihnen, wenn sie das überlebt haben, fanden dann eben ihr neues Zuhause, wenn man es mal so nennen will, in Bayern. Und trugen dann natürlich auch zum Wiederaufbau Bayerns, aber natürlich der späteren Bundesrepublik auch bei.“
Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch
Die Lebensgeschichten zeigen eindrucksvoll, wie Frauen über das damals Übliche hinaus neue Verantwortung übernehmen mussten, oft über Nacht.
Die Wanderausstellung als Erinnerung in Bewegung
Ursprünglich im Haus des Deutschen Ostens in München präsentiert, hat „Ungehört – Die Geschichte der Frauen. Flucht, Vertreibung, Integration“ sich mittlerweile zu einer Wanderausstellung entwickelt. Sie war unter anderem in Wiesbaden, Regensburg, Hof und Augsburg zu sehen und wird in den kommenden Jahren auch nach Polen reisen. Diese Mobilität ermöglicht es, die Geschichten dieser Frauen an vielfältigen Orten zu erzählen und das Bewusstsein für die weiblichen Perspektiven auf Flucht und Vertreibung lebendig zu erhalten.
Die Konzeption am Haus des Deutschen Ostens, das als Zentrum für Erinnerungskultur agiert, macht sie zu mehr als nur einer Ausstellung, sie ist Einladung zum Dialog und zur Versöhnung. Die Ausstellung wird nicht als Geschichte aus der Vergangenheit gezeigt, sondern als Verpflichtung für die Zukunft
Frauen gestalten Integration
Die Ausstellung zeigt auch, dass Frauen eine zentrale Rolle bei der Integration spielten. Viele vertriebene Frauen waren überdurchschnittlich berufstätig, vor allem in Landwirtschaft, Verwaltung, Textilindustrie und später in vielen weiteren Bereichen. Sie engagierten sich in Kirchen, politischen Parteien und Vereinen, was ihnen half, neue soziale Netzwerke zu knüpfen und gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen.
Heimat und Zuhause auf dem Weg der Versöhnung
Die Ausstellung macht aber auch deutlich, dass Heimatverlust nicht einfach verschwindet. Die emotionale Verbundenheit zur früheren Heimat blieb oft lebenslang bestehen und prägte sowohl die erste als auch die folgende Generation.
„Es gibt keine zwei Heimaten: Es gibt eine Heimat und es gibt ein Zuhause. In Bayern bin ich zu Hause und Oberschlesien ist meine Heimat.“
Gertrud Müller
Besonders bewegend ist das Verständnis, dass der Verlust nicht repariert werden kann. Das Fehlende wirkt lebenslang als heftiger, tief einschneidender Schmerz. Es kann nicht repariert, nicht heil gemacht werden. Doch wurden nicht nur Schmerzen getragen, sondern auch Brücken gebaut. Die Brücken aus Kultur, Hilfeleistungen, Hilfsnetzwerken und wiederbelebten Kontakten zu Herkunftsorten. Viele der Zeitzeuginnen sind Brückenbauerinnen zwischen Herkunftsregion und Deutschland.
Die Ausstellung als Mahnmal und Lernort
„Ungehört – Die Geschichte der Frauen. Flucht, Vertreibung, Integration“ ist ein Mahnmal für das lange Vergessene und gleichzeitig ein Lernort, die Geschichten der Frauen werden über Fotos, Dokumente und Hörstationen erzählt. Die Ausstellung erzählt Einzelschicksale, um das Allgemeine sichtbar zu machen.
„Es musste vorstellbar und nachvollziehbar sein, damit diese Einzelschicksale, die hinter den Zahlen stehen, sichtbar werden. Die sechs Frauen stehen im Mittelpunkt“
Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch
Die Ausstellung möchte die Besucher dazu anregen, nicht nur zuzuhören, sondern Verständnis zu entwickeln und den Blick zu weiten für die umfassende Integrationsleistung der Vertriebenen, die bis heute nachwirkt. Sie ist eine Einladung zur Versöhnung und zum Dialog über Ebenen von Geschichte, Erinnerung und Gegenwart.
Ein lebendiges Denkmal
Die Wanderausstellung steht als lebendiges Denkmal für eine Geschichte, die lange ungehört blieb. Sie macht sichtbar, wie Frauen mit Entbehrungen, Verantwortung und Hoffnung eine zentrale Rolle in einer der größten europäischen Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts spielten.
Die Ausstellung ist ein wichtiges Zeichen, dass Geschichte nicht nur aus männlichen Perspektiven erzählt werden darf, gerade die weibliche Sicht eröffnet neue Einsichten und zeigt, wie viel Kraft und Gestaltungspotenzial in Frauen steckt, auch in den widrigsten Umständen.
Wer die Ausstellung sehen oder ausleihen möchte, findet beim Haus des Deutschen Ostens die Ansprechpartner. Die Geschichten der Frauen verdienen es, gehört und weitergetragen zu werden.


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