Loslassen heißt nicht vergessen, sondern weitergehen. Gedanken vom Versöhnungsmarsch und dem Sudetendeutschentag.
Ein Motto in drei Sprachen
Let it go. Der Satz ist allgegenwärtig. Man kennt ihn aus einem berühmten Disney-Film, man kennt ihn aus Ratgebern zur Selbsthilfe, etwa von Dr. David R. Hawkins, der das Loslassen als Weg zur inneren Freiheit beschreibt.
Aber mein „Let it go“ in diesem Jahr war weder Popkultur noch Theorie. Es war ein Weg. Ein tatsächlicher Weg von Pohorlitz nach Brünn. Mein diesjähriges Motto, das durch das Laufen entstand, lautete genau so:
Let it go!
Auf Deutsch „loslassen“, auf Tschechisch „nechat jít“. Drei Sprachen, ein Gedanke, und vielleicht auch drei Perspektiven auf die Geschichte, Erinnerung und Gegenwart.
Auftakt in Brünn
Dieses Jahr begann für mich früher als sonst. Bereits am Freitag nahm ich im Besední dům am Festakt der Sudetendeutschen Stiftung und der Landsmannschaft teil. Ein würdiger Rahmen, getragen von Ernsthaftigkeit, aber auch von Begegnungen, die zeigen, dass sich über Jahrzehnte hinweg etwas bewegt hat.
Am nächsten Morgen ging es nach Pohorlitz. Die Teilnahme war erneut bemerkenswert, auch politisch, Innenminister Dobrindt war anwesend, ebenso wie Bernd Posselt, der den Marsch seit Jahren begleitet. Doch solche Namen sind nicht das Entscheidende. Der Weg selbst ist es.
Der Weg beginnt
Kurz vor dem Start gab ich ein Interview für den Bayerischen Rundfunk. Was genau ich gesagt habe, kann man sich selbst anhören, vielleicht ist es ohnehin besser, wenn Worte in solchen Momenten weniger erklärt als erlebt werden.
Dann begann der eigentliche Marsch. „Love is the only answer“

Wieder diese Hitze. Ich frage mich inzwischen wirklich, wie der heilige Petrus das Wetter organisiert. Vor 81 Jahren war es brütend heiß. Im vergangenen Jahr ebenso und auch dieses Jahr brannte die Sonne unerbittlich auf uns herab.
Nach einigen Kilometern stellte sich mein inneres Mantra ein: let it go, loslassen, nechat jít. Schritt für Schritt.
Gedanken auf dem Marsch
Anders als in dem vergangenen Jahr sprach ich diesmal weniger mit anderen Teilnehmern.
Ich war mehr bei mir selbst, mehr in Gedanken. Die Gegendemonstranten nahm ich wahr, ja, aber sie standen nicht im Zentrum meiner Aufmerksamkeit.
Viel stärker waren die anderen „Begleiter“ dieses Weges, jene ohne Körper, jene, die am Straßenrand lagen oder zusammenbrachen, jene, die den Marsch am 31. Mai 1945 nicht überlebt haben. Man kann darüber lesen, man kann darüber sprechen, aber diesen Weg zu gehen, verändert die Perspektive. Die Landschaft ist nicht nur Landschaft, sie wird zu einem Erinnerungsraum.
An die Grenze kommen
Ich ging weiter. Kilometer um Kilometer, unter dieser Hitze, die jede Bewegung verlangsamte. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich an meine Grenzen komme.

In Brünn angekommen, entschied ich mich, die letzten drei Kilometer mit der Straßenbahn zurückzulegen.

Dort begegnete ich einem älteren Mann, dem ich half, sich im Brünner Straßenbahnnetz zurechtzufinden. Wir kamen ins Gespräch. Ich fragte ihn, wie alt er sei. „86“, antwortete er.
Er war die gesamte Strecke, die 27 Kilometer zu Fuß gegangen. In dieser unvorstellbaren Hitze. Ich fragte weiter: „Dann sind Sie doch hier geboren worden?“ Wieder ein schlichtes „Ja, in Rumburg“.
Solche Begegnungen sind es, die diesen Marsch prägen. Geschichte wird hier nicht abstrakt verhandelt, sondern steht plötzlich vor einem, in Form eines Menschen, der sie erlebt hat.
Ein Satz, der bleibt
Am Ende, nahe dem Mendelplatz, kam es zu einer Szene, die mich unerwartet tief berührte. Nachdem wir die Demonstranten passiert hatten, diesmal ohne die martialischen Klänge, die im vergangenen Jahr noch zu hören waren, bedankte ich mich bei den anwesenden Polizisten. Die Antwort eines Beamten traf mich unvorbereitet: „Wir dürfen auch etwas Sinnvolles machen, oder?“
Dieser Satz löste bei mir Tränen aus. Vielleicht, weil er so schlicht war. Vielleicht, weil er zeigte, dass Versöhnung nicht nur ein großes Wort ist, sondern sich in kleinen, menschlichen Momenten vollzieht.
Erschöpfung und Begegnung
Am Abend fand ein Dorffest statt. Ich gebe zu, ich bewegte mich dorthin wie ein alter Mann, erschöpft bis in die Knochen. Doch es hat sich gelohnt. Besonders die Böhmerwald-Tanzgruppe aus Brasilien war beeindruckend, ein unerwartetes, lebendiges Zeichen dafür, wie weit die kulturellen Verbindungen reichen.

Der Sonntag stand im Zeichen der Hauptkundgebung. Vieles davon wurde bereits an anderer Stelle beschrieben, deshalb nur so viel, es war toll, so viele alte Freunde zu treffen. Und es war besonders erfreulich zu sehen, wie viele tschechische Teilnehmer in diesem Jahr beim Sudetendeutschen Tag anwesend waren.
„Das Barackenmädchen“ – „Dívka z odsunu“ (Das Mädchen aus dem Abschub)
Ein persönlicher Höhepunkt folgte zum Abschluss, die Vorstellung der tschechischen Übersetzung von Peter Mainkas Buch „Das Barackenmädchen“. In der tschechischen Fassung trägt es den Titel „Dívka z odsunu“ (Das Mädchen aus dem Abschub) und entstand mit Unterstützung des Deutsch Tschechischen Zukunftsfond https://www.fondbudoucnosti.cz/..

Die Wahl dieses Titels wurde intensiv diskutiert. Warum nicht einfach „Das Barackenmädchen“ übersetzen? Meine Antwort war klar: Das Wort „odsun“ ist in Tschechien ein feststehender Begriff, ein Terminus technicus. Es verortet die Geschichte sofort in den Jahren 1945/46. Jeder versteht unmittelbar den historischen Kontext. Manchmal ist Präzision wichtiger als wörtliche Treue.
Let it Go!
Am Ende bleibt für mich dieses Jahr vor allem ein Gedanke „Let it go!“. Nicht im Sinne von Vergessen, nicht im Sinne von Verdrängen, sondern im Sinne eines bewussten Weitergehens. Loslassen heißt nicht, die Vergangenheit aufzugeben. Es heißt, sie so anzunehmen, dass sie uns nicht daran hindert, Schritte in die Zukunft zu setzen. Schritt für Schritt, unter der Sonne, zwischen Erinnerung und Begegnung.
Deutsch https://www.henryertner.com/die-sudetendeutschen-in-bruenn-let-it-go/
English https://medium.com/@henryertner/the-sudeten-germans-in-brno-let-it-go-36c9245f9b77
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