Annelies Schwarz, verbindet in ihrem Werk Erinnerung und Versöhnung. Ihre Geschichten zeigen Mut, Menschlichkeit und Brücken zwischen Deutschen und Tschechen.
Annelies Schwarz, eine deutsche Pädagogin, Schriftstellerin und Malerin, wurde 1938 in Trautenau in der Tschechoslowakei geboren. Diese Region liegt nur wenige Kilometer von Wildschütz entfernt, wo ich selbst aufgewachsen bin. Durch ihre autobiografischen Romane und Vorträge, vor allem ihr Werk “Wir werden uns wiederfinden”, gibt sie uns tiefe Einblicke in das bewegte Schicksal der Sudetendeutschen, die durch die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren. Ihr Engagement für Brücken bauen, Verständnis und Versöhnung ist ein wertvoller Beitrag für unsere gemeinsame Geschichte.

Ein Kindheitstraum in einer Vielvölkerwelt
In ihrem Vortrag während ASA Seminar erinnert sich Annelies Schwarz an ihre Kindheit in einem Vielvölkerstaat, in dem sie Tschechisch, Polnisch, Romani und Deutsch hörte. Diese Mehrsprachigkeit prägte ihre Fantasie und ihren kreativen Umgang mit Sprache.
Ihre Kindheit war in einem „schönen Nest geborgen“, mit Freunden aus verschiedenen Kulturen, was ihr eine besondere Perspektive auf die Gemeinschaft und Vielfalt verlieh.
Der brutale Bruch
Doch diese friedliche Kindheit wurde durch die politischen Umwälzungen brutal durchbrochen. Schwarz erinnert an den Winter 1945, als Flüchtlingszüge durch ihr Dorf zogen.
„Es war Februar im Jahr 1945, noch immer lag Schnee, und es war sehr kalt, da kamen die schlesischen Flüchtlingszüge, es waren die geflüchteten Leute aus Schlesien, die sind ja vor den eindringenden Russen geflüchtet.”
Die Rolle von Herrn Pavelka als ein Zeichen der Menschlichkeit
Eine der eindrücklichsten Figuren in Schwarz‘ Bericht ist Pavelka, ein tschechischer Bauer, der bei der Vertreibung eine besondere Rolle spielte. An einem dieser schweren Tage arbeitete er sich durch die Menschenmenge, um der Familie Schwarz ein Geschenk zu bringen.
„Pavelka, ein tschechischer Bauer, arbeitet sich durch die Menschenmenge zu uns durch, reicht Mutter und Großmutter ein Brot, das seine Frau für uns gebacken hat. Damit ihr auf dem Weg was zu essen habt. Ich bewundere Pavelkas Mut, sich an so einem Tag vor aller Angst zur Freundschaft mit einer deutschen Familie zu bekennen.“
Diese Geste des Brotes wird dadurch noch bedeutsamer, weil die tschechischen Bauern die Vertreibung oft widerwillig durchführen mussten.
„Sie mussten uns rausfahren, die Tschechen, und denen war das auch nicht so recht… es gab ja nicht nur gewaltvolle Menschen, es gab ja auch Gewaltlose, und die lieber im Frieden leben…”
Herr Pavelka steht somit symbolisch für den Mut und die Menschlichkeit in einer Situation, die sonst von Angst und Gewalt geprägt war. Gerade in Zeiten der Vertreibung galt es als hochgefährlich für Tschechen, den deutschen Nachbarn zu helfen. Wer in diesen Jahren Hilfsbereitschaft zeigte, Brot reichte oder den Abtransport zumindest freundlich begleitete, riskierte, als “Kolaborateur” bezeichnet und von Landsleuten verfolgt zu werden.
Gerade diese Menschlichkeit, das Brot in der Hand, ein freundlicher Blick, das leise Zeichen der Solidarität, sind es, die aus einer Zeit von Angst und Gewalt einzelne Momente des Brückenbauens und der Versöhnung werden lassen. Schwarz hebt hervor, dass solche mutigen Akte auch heute als Vorbild dienen können, wenn es darum geht, Verständnis und Brücken zwischen unterschiedlichen Lebensgeschichten und Gemeinschaften zu fördern. Schwarze fasste es zusammen.
“Die Welt braucht mehr Pavelkas.”
Nachhaltiges Engagement für Versöhnung
Annelies Schwarz betont immer wieder die Bedeutung des Brückenbauens zwischen den ehemaligen Besitzern der Heimat und den heutigen Bewohnern.
„Wir gehören ja sowieso in Böhmen zusammen, Deutsche und Tschechen.“
Sie pflegt heute den Kontakt zu tschechischen Freunden, reist immer wieder in ihre Heimatregion zurück und engagiert sich im deutsch-tschechischen Kulturverein. Ihr Werk soll nicht nur Geschichte erzählen, sondern auch Versöhnung fördern.
Persönliche Verbundenheit
Als jemand, der in Wildschütz aufgewachsen ist, nur wenige Kilometer von Annelies Schwarz‘ Heimatort entfernt, fühle ich eine besondere Nähe zu ihrer Geschichte. Ihr Vortrag zeigt, wie durch das Erzählen und Erinnern Brücken gebaut werden können, die uns helfen, die Vergangenheit zu verstehen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen.
Annelies Schwarz‘ Leben und Werk sind ein starkes Zeugnis für die Kraft der Erinnerung, die Notwendigkeit von Verständnis und den Mut zur Versöhnung. Ihre Geschichten berühren und lehren uns heute, dass trotz tiefer Wunden Brücken gebaut werden können, die eine gemeinsame Zukunft ermöglichen.
Deutsch https://www.henryertner.com/annelies-schwarz-und-die-kraft-der-erinnerung/
English https://medium.com/@henryertner/annelies-schwarz-and-the-power-of-memory-7a4064e510a4
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