Am letzten Tag der Exkursion der Universität Augsburg haben wir eine ausführliche Stadtführung durch Prag unternommen, die uns zu vielen bedeutenden Orten und historischen Stätten führte. Die Tour begann am Fügnerovo náměstí, benannt nach Jindřich Fügner, einer wichtigen Persönlichkeit der tschechischen Geschichte und Mitbegründer des Turnvereins Sokol, der eine soziale und nationale Bewegung prägte. Sein Vermächtnis als Symbol des nationalen Widerstands wurde durch eine Büste auf dem Platz geehrt.
Ein weiterer historisch bedeutender Ort war die St. Cyrill und Method Kirche, benannt nach den Brüdern Cyrill und Method, die im 9. Jahrhundert als christliche Missionare das Christentum in Mähren verbreiteten und das glagolitische Alphabet entwickelten. Die Kirche erinnert auch an das Attentat auf Reinhard Heydrich 1942, ein bedeutsamer Akt tschechischen Widerstands gegen das NS-Regime.
Tanzendes Haus, Nationaltheater, Kampa, Karlsbrücke
Moderne Architektur wurde beispielhaft am Tanzenden Haus vorgestellt, einem markanten Bauwerk im Dekonstruktivismus-Stil, entworfen von Vlado Milunić und Frank Gehry. Unterstützt wurde das Projekt von Präsident Václav Havel, einem zentralen Akteur im Übergang zur Demokratie in Tschechien.

Die Führung führte auch zur Most Legii, der Brücke der Legionen, ein Bauwerk aus der Zeit um 1900, das an die tschechoslowakischen Legionäre im Ersten Weltkrieg erinnert, die für die Unabhängigkeit kämpften. Die Brücke symbolisiert nationalen Stolz und technische Meisterleistung.
Dann stand die ruhige Kampa-Insel mit dem historischen Museum Kampa auf dem Programm. Die Insel, getrennt durch den Čertovka-Kanal, ist ein Ort der Ruhe zwischen Stadt und Wasser und beherbergt eine bedeutende Sammlung moderner mitteleuropäischer Kunst, insbesondere Werke von Meda Mládková, die nach dem Exil nach Prag zurückkehrte, um diese Kunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Ein Höhepunkt war die Besichtigung der Karlsbrücke (Karlův most), gebaut 1357 unter Karl IV., mit ihrem sakralen und kosmischen Symbolcharakter. Die astrologisch exakt gelegten Fundamentsteine und die Geschichte Karls IV., der ein spiritueller Herrscher wurde, vermittelten eindrucksvoll den tiefen kulturellen und historischen Stellenwert der Brücke.
US-Botschaft, Deutsche Botschaft, Schwarzenbergpalais
Die Tour führte weiter zur US-Botschaft im Palais Schönborn und der Vila Otto Petschek, einem prunkvollen privaten Wohnhaus der ersten Tschechoslowakischen Republik. Die Familie Petschek, bedeutende Unternehmer, deren Bankgebäude von der Gestapo beschlagnahmt wurde, steht für die wechselvolle Geschichte Prags in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Deutsche Botschaft im Palais Lobkowicz war Zeuge eines emotionalen historischen Moments, als 1989 tausende DDR-Flüchtlinge hier Zuflucht suchten und der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Ausreise ermöglichte – ein bedeutender Schritt zur deutschen Wiedervereinigung.
Die Nerudova Gasse mit ihren alchemistischen Hauszeichen bot einen faszinierenden Einblick in barockes Prag, wo Symbole von Berufen, Glauben und Weltbildern in einem visuellen Lexikon erzählt wurden.
Das Schwarzenbergpalais beeindruckte mit seiner Sgraffitofassade, die Licht und Schatten spielerisch darstellt und die alchemistischen Farben Nigredo, Albedo und Rubedo symbolisiert. Es steht für Kontinuität und Wandel in politischer und architektonischer Hinsicht.
Prager Burg, Goldene Gasse, Jüdische Friedhof
Die Prager Burg mit dem Veitsdom bildet das Herz der Stadt: Krönungskirche, Grabstätte bedeutender Persönlichkeiten und Ort zahlreicher Mythen, wie dem um die Krönungsinsignien und Reinhard Heydrichs Tod nach seiner Krönung.
Die Goldene Gasse war ein weiteres Highlight, berühmt durch die Legende der Alchemisten und ihre Verwandlungssymbolik. Hier wohnte kurzzeitig Franz Kafka, dessen Werk von Entfremdung und inneren Kämpfen geprägt ist.
Die Alte Schlossstiege verband symbolisch Burg und Stadt und erinnerte mit ihrer Geschichte an die Heldenreise und die Wandlung des Geistes.
Der Jüdische Friedhof und die Altneu-Synagoge brachten uns die Geschichten des Rabbi Löw und der Legende des Golems nahe, ein Symbol für Schutz und Identität in der jüdischen Gemeinde.
Prager Astronomische Uhr, Bayrische Repräsentanz und Kafka-Kopf
Die Prager Astronomische Uhr zeigte die technische Virtuosität des späten Mittelalters mit ihren beweglichen Figuren, ein Meisterwerk der Wissenschaft und Kunst.
Da wir aus Bayern kommen, führten uns die nächsten Schritte auch zur Repräsentanz des Freistaats Bayern in der Tschechischen Republik. Die dort angebrachte Tafel stellt exemplarisch die visuelle Mehrsprachigkeit dar, da sie sowohl auf Deutsch als auch auf Tschechisch beschriftet ist.

Diese Repräsentanz ist eine wichtige Plattform für den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Bayern und Tschechien, etwa in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft. Sie zeigt das enge und freundschaftliche Verhältnis beider Regionen und symbolisiert die lebendige Verbindung durch Mehrsprachigkeit und gegenseitige Anerkennung.

Schließlich besuchten wir den beeindruckenden kinetischen Kafka-Kopf von David Černý, der Kafkas fragmentierte Identität und seinen inneren Konflikt metaphorisch darstellt. Kafka, ein im multikulturellen Prag lebender deutschsprachiger Schriftsteller, bleibt eine zentrale Figur der Stadt.
Am Abend sind alle heil zu Hause angekommen, erfüllt von vielen Eindrücken aus Geschichte, Kultur und Architektur dieser faszinierenden Stadt. Die Führung bot eine eindrucksvolle Verbindung von mittelalterlicher Geschichte, moderner Kunst und lebendiger Erinnerungskultur, die Prag in all seinen Facetten zeigte. So wurde der letzte Tag der Exkursion zu einem vielschichtigen Erlebnis, das noch lange nachwirken wird.
Die Exkursion wurde von der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) gefördert.
Deutsch https://www.henryertner.com/6-6-exkursion-nach-prag-stadtfuehrung/
English https://medium.com/@henryertner/6-6-excursion-to-prague-city-tour-04cba5acb5f8
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