Nach dem Besuch des Masaryk-Instituts sind wir in den Hallen des Carolinums gelandet. Mit etwas Glück und der Unterstützung eines Mitarbeiters fanden wir auch die Räume des Archivs, wo uns Frau Dr. Jana Ratajová herzlich empfing. Frau Dr. Ratajová ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ústav dějin UK a Archivu UK (Institut für Geschichte und Archiv der Karls-Universität). Ihre Kollegin fasste für uns einige wertvolle Informationen zusammen.

Die Zweiteilung der Karlsuniversität auf Deutsch und Tschechisch

Unsere Exkursion der Universität Augsburg interessierte sich für die bewegte Geschichte der Zweiteilung der Karlsuniversität zwischen 1882 und 1945. Nach langjährigen Spannungen wurde die Universität 1882 faktisch in eine tschechisch- und eine deutschsprachige Universität geteilt, die beide parallel bestanden.

Die deutsche Universität fungierte bis 1945 als eigenständige Institution und war damals die erste Universität weltweit, die ihre Lehre auf Deutsch anbot. Im Gegensatz dazu stand die tschechischsprachige Prager Universität, die die Mehrheit der einheimischen Bevölkerung bediente.

Die Bedeutung der deutschsprachigen Dissertationen im Archiv

Wir interessierten uns besonders für Dissertationen der deutschsprachigen Universität. Das Archiv der Karlsuniversität besitzt einen Schatz von etwa 500 Dissertationen aus der Zeit der deutschsprachigen Universität insgesamt circa 1200 Dissertationen sind in der Nationalbibliothek.

Prof. Ernst Schwarz, eine prägende Figur der Germanistik

Besonders interessant für uns sind die Dissertationen zu Sprachwissenschaft und Linguistik. Hier sticht die Figur von Prof. Ernst Schwarz hervor, ein bedeutender Germanist, der nicht nur Mundartforschung betrieb, sondern auch wesentliche Beiträge zur Erforschung und Dokumentation von Ortsnamen geleistet hat. Schwarz ist eine zentrale Persönlichkeit der deutschsprachigen Prager Germanistik und hat bis zu seinem Tod 1983 einen nachhaltigen Einfluss hinterlassen.

Frau Dr. Ratajová präsentierte uns eine Liste der Dissertationen, die im Archiv sind. Daraus lässt sich ein umfangreicher Einblick in die geistige Arbeit und Fragestellungen der Universität gewinnen, insbesondere auch zu Sprachwissenschaft, Mundartforschung und Ortsnamenforschung.

Jüdische Studierende und Emigration

Die Geschichte der Universität ist eng mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen der Zeit verbunden. So waren etwa 40 Prozent der Studierenden an den juristischen und medizinischen Fakultäten der deutschen Universität jüdischer Herkunft, viele Professoren jüdischer Abstammung fanden während des NS-Regimes Asyl in Prag, was die Universität für einige Jahre zu einem Zufluchtsort der jüdischen deutschsprachigen Emigranten machte.

Nach Kriegsende und besonders nach 1945 kam es zur Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, was auch das Ende der deutschen Karlsuniversität bedeutete. Diese Vertreibung und die Zerstörung von Archivmaterial führten dazu, dass heute nur ein Teil der früher umfangreichen Bestände im Archiv existiert.

Ein Teil der Archivalien wurde nach dem Krieg zerstört oder ging auf mysteriöse Weise verloren, etwa die Archivbestände, die 1945 auf einem Zug verladen und vermutlich bei Pilsen vernichtet wurden. Einige wenige Originale sind jedoch erhalten geblieben und werden heute sorgfältig bewahrt und erforscht.

Das Archiv bewahrt eine wertvolle Sammlung an Dissertationen und wissenschaftlichen Arbeiten, die einen unverzichtbaren Beitrag zur deutschen Sprachwissenschaft und Kulturgeschichte in Böhmen darstellen. Gerade das Material zur Mundart- und Ortsnamenforschung spiegelt das langjährige Nebeneinander und die Verflechtung verschiedener Sprach- und Kulturgruppen wider.

Danksagung an das gesamte Archivteam

Für die Möglichkeit, eine Exkursion zu den historischen Beständen im Archiv der Karlsuniversität zu unternehmen, möchten wir unseren herzlichsten Dank aussprechen. Die freundliche Unterstützung des gesamten Archivteams ermöglichte uns tiefe Einblicke in die deutschsprachige Geschichte der Universität. Ohne diese wertvolle Hilfe wäre unsere Exkursion nicht in dieser Form möglich gewesen.

Abschließend zeigt sich, dass die deutschsprachige Karlsuniversität nicht nur ein Ort des Wissens und der Forschung war, sondern auch ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche im mitteleuropäischen Raum zwischen 1882 und 1945. Die Arbeit des Archivs ist es, dieses Erbe zu bewahren und zugänglich zu machen, damit es der Wissenschaft und letztlich der Öffentlichkeit erhalten bleibt.

Die Exkursion wurde von der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) gefördert.

Deutsch https://www.henryertner.com/5-6-exkursion-nach-prag-karls-universitaet-archivschaetze-und-die-sprachwissenschaftliche-forschung/

English https://medium.com/@henryertner/5-6-excursion-to-prague-charles-university-archival-treasures-and-linguistic-research-84ebc06a3650

Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-exkurze-do-prahy-archivni-poklady-karlovy-univerzity-a-jazykovedny-vyzkum-205209


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