Am nächsten Tag unserer Exkursion nach Prag hatten wir die Gelegenheit, das Masaryk-Institut und das Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik zu besuchen. Frau Dr. Merhautova empfing unsere Gruppe von der Uni Augsburg sehr herzlich und berichtete in einem ausführlichen Vortrag über die vielfältige Arbeit des Instituts.
Aufbau und Bestände des Instituts
Das Masaryk-Institut und das Archiv sind seit 2017 in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht. Dort befinden sich die Depots mit umfangreichen Archivbeständen sowie die wissenschaftlichen Abteilungen. Frau Dr. Merhautova stellte heraus:
Wir betreuen hier große Archivbestände. Einerseits sind es Bestände, die wissenschaftliche Institutionen und Wissenschaftler betreffen, anderseits betreuen wir große Bestände von dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk und Edward Beneš.
Mgr. Lucie Merhautová, Ph.D.
Besonders beeindruckend ist die Bibliothek von Masaryk mit etwa 180.000 Büchern. Viele dieser Bücher tragen annotationsreiche Handschriften von Masaryk selbst. Wie Frau Dr. Merhautova erläuterte, sind diese Bestände zugänglich und werden umfangreich digitalisiert. Das Archiv beinhaltet auch ein großes Fotoarchiv mit Tausenden von historischen Aufnahmen, unter anderem von Masaryk bei verschiedenen Anlässen.

Forschungsschwerpunkte des Instituts
Die Forschung des Instituts konzentriert sich auf Wissenschaftsgeschichte sowie auf die politische, kulturelle und soziale Geschichte der Zeit Masaryks, der von 1848 bis 1937 lebte. Ein bedeutendes Forschungsprojekt widmet sich der Geschichte der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften und ihren Vorgängerinstitutionen.
Mehrsprachigkeit in Masaryks Familie
Eine für uns überraschende Erkenntnis war, dass Masaryk seine Briefe an seine Mutter auf Deutsch schrieb, während die Briefe an seinen Vater meist auf Tschechisch verfasst wurden. Dies erklärt Frau Dr. Merhautova so:
Wenn man zum Beispiel die Briefe von Masaryk an seine Eltern nimmt, und sein Vater kam aus einem Dorf hinter der Grenze. Also er sprach sowas wie Slowakisch, oder eher einen slowakischen Dialekt. Zu Hause, das war auch eher Dialekt. Der Vater hatte keine Bildung, konnte nicht schreiben. Erst Masaryk hat es ihm beigebracht als er älter war. Es gibt Briefe, wo er schreibt der Mutter auf Deutsch, dem Vater Gruß auf Tschechisch.
Mgr. Lucie Merhautová, Ph.D.
Masaryks mehrsprachige Persönlichkeit
Diese bi- und multilingual geprägte Familiensituation ist ein Beispiel der vielschichtigen Geschichte, die das Institut erforscht. Frau Dr. Merhautova meinte dazu, wie sehr diese historischen Details unser Verständnis herausfordern. Masaryk selbst war eine vielsprachige Persönlichkeit, die Deutsch, Tschechisch, Englisch, Französisch, Griechisch und Russisch beherrschte. Deutsch war ihm als Bildungssprache vertraut, da er in Brünn und Wien zur Schule ging. Doch er lernte auch sorgfältig Tschechisch, da es für seine wissenschaftliche und politische Arbeit unerlässlich war.
Entwicklung und Zusammenarbeit des Instituts
Im Vortrag wurde darauf eingegangen, wie das Masaryk-Institut seit seiner Gründung 1993 gewachsen ist und inzwischen rund 90 Mitarbeiter hat. Es bedeckt zahlreiche Forschungsprojekte und führt auch umfangreiche Editionen von Masaryks Schriften und Korrespondenzen durch. Besonders bemerkenswert ist die digitale Aufbereitung der Briefe, die es ermöglicht, Masaryks vielfältige Netzwerke zu analysieren.
Auch die enge Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wurde vorgestellt. Ursprünglich hatte Masaryk 1932 eine Stiftung gegründet, die sein Archiv und seine Bibliothek ordnen und herausgeben sollte. Leider wurde diese nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst, und das Archiv war für Jahrzehnte verborgen. Erst nach der Wende wurde die Erforschung und das Zugänglichmachen der Sammlungen intensiviert.
Bedeutung der Exkursion
Die Exkursion ermöglichte uns, die Bedeutung dieses Instituts als wichtigen Ort der historischen und kulturellen Forschung hautnah zu erleben. Es zeigt, wie eng Wissenschaft, Politik, Sprache und Kultur im Prozess der Identitätsbildung der Tschechoslowakei und späteren Tschechischen Republik verwoben sind.
Abschließend lässt sich sagen, dass dieser Besuch nicht nur die Vielfalt der Masaryk-Forschung offenbart hat, sondern uns auch den Wert der mehrsprachigen, interdisziplinären Betrachtung von Geschichte bewusst gemacht hat, ein besonderer Einblick, der über das Offensichtliche hinausgeht.
Nach dem Vortrag von Frau Dr. Merhautova, haben wir uns auf die Archivbestände gestürzt, mehr im nächsten Beitrag.
Die Exkursion wurde von der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) gefördert.


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