Nach einem bewegenden Abendessen mit der Zeitzeugin im Rahmen unserer Exkursion nach Prag folgte ein intellektuell herausragender Vortrag von Dr. Martin Jeřábek zum Thema „German Heritage in the Czech Republic: Shades of the Past and Hopes for the Future“.

Jeřábeks Beitrag war nicht nur ein analytischer Blick auf die Geschichte und Gegenwart der deutsch-tschechischen Beziehungen, sondern auch ein Plädoyer für Erinnerungsarbeit und eine differenzierte Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe.

PhDr. Martin Jeřábek, Ein Experte für internationale Beziehungen und mitteleuropäische Geschichte

PhDr. Jeřábek forscht und lehrt an der Karls-Universität Prag, im Fokus steht das Projekt „Challenges and Opportunities for EU Heritage Diplomacy in Ukraine“. Er ist Spezialist für mitteleuropäische Geschichte, Osterweiterung der EU, Mitteleuropa, Geschichte und Politik Mitteleuropas im 20. Jahrhundert, Autoritäre Regime in der Zwischenkriegszeit. Er analysiert politische Systeme, Identitätsfragen und Erinnerungskultur, immer im Kontext von Mitteleuropa und europäischer Integration. Seine Kompetenz spiegelt sich auch in seiner aktiven Beteiligung an wissenschaftlichen Kongressen und Forschungsvorhaben wider.

Dimensionen und Kontext des deutschen kulturellen Erbes

Jeřábek begann mit einer Kontextualisierung der „Dimensions and the context“: Die Vertreibung der Deutschen aus ihren Siedlungsgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg, allein 3,2 Millionen Deutsche mussten Tschechien verlassen, steht am Beginn einer langen Geschichte der Entwurzelung, des Schmerzes, aber auch der Chancen für einen neuen Dialog. Er thematisierte die Rolle der historischen Erinnerung und wie die EU-Osterweiterung seit 2004 einen „neuen europäischen Rahmen“ für grenzübergreifende Beziehungen bot.

Sichtbar wurden die Auswirkungen dieser Geschichte anhand von Karten, die die ethnischen und sprachlichen Verhältnisse Mitteleuropas 1910 und 2021 zeigten. Sie machen deutlich, wie tiefgreifend Grenzverschiebungen und Zwangsmigrationen die kulturelle Landschaft verändert haben.

Institutionen, Akteure und die Bedeutung der Versöhnung

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den verschiedenen Stakeholdern: Von Regierungen über Vertriebenenorganisationen bis hin zu den verbliebenen deutschen Minderheitsvereinen in Tschechien. Jeřábek erklärte, wie politische und rechtliche Versöhnung, etwa durch die Deutsch-Tschechische Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung von 1997, zur Grundlage für ein zukunftsorientiertes kulturelles Erbe wurde. Die Debatten um die sogenannten Beneš-Dekrete zeugen bis heute vom schwierigen Akt, Vergangenheit gerecht zu begegnen.

Der Erhalt des deutschen Kulturerbes in Tschechien und Mitteleuropa

Wie kann man das deutsche Kulturerbe bewahren? Jeřábek nennt realistische Szenarien.Die Bewahrung geografischer und kultureller Identitäten beispielsweise durch regionale Kulturvereine und die Aktivität der Vertriebenen in ihren „verlorenen“ Heimatorten. Entscheidender aber sei, das ethnische Charakterbild der Minderheit nicht zu verlieren und dennoch Integrationsprozesse in den westdeutschen bzw. europäischen Kontext einzubinden.

Formen des Erinnerns: Individuell, materiell, ethnographisch

Der zweite Teil des Vortrags war den konkreten Zugängen zur Erhaltung kulturellen Erbes gewidmet. Jeřábek zeigte an Beispielen:

Individuelle Erinnerungen: Lebensgeschichten von Sudetendeutschen wie Anton Tiersch verdeutlichen, wie ein Mensch mehrere Heimaten haben kann („Ich bin in Weiden zu Hause, aber in Tachau bin ich daheim“). Diese Memoiren stärken langfristig die Identitäten und stellen die Frage nach Generationenübergreifender Verortung.

Materielles Kulturerbe: Friedhöfe und Kirchen im „Heimatdorf“, gemeinsam gepflegt und restauriert, symbolisieren Verbundenheit und geteiltes Schicksal. Auch Kriegerdenkmäler aus dem Ersten Weltkrieg werden als Orte der europäischen Versöhnung gedeutet.

Ethnographische Erinnerung: Feste wie der Sudetendeutscher Tag verdeutlichen, wie Kultur und „Heimat“ als Friedensfundament wirken können. Die böhmisch-mährisch-schlesische Kultur ist Produkt eines jahrhundertelangen, gemeinsamen Austausches zwischen Deutschen und Tschechen.

Die zentrale Frage des Kulturerbes

Jeřábek schloss seinen Vortrag mit einem Appell:

Wie kann uns die Bewahrung des kulturellen Erbes helfen? Sie hilft zu verstehen, wer wir sind und wer wir hätten sein können.

PhDr. Martin Jeřábek

Die Pflege gemeinsamer Erinnerungen und Traditionen schafft nicht nur Brücken zwischen den Nationen, sondern auch Perspektiven für die Zukunft.

Eindruck und Bedeutung für die Exkursion

Der Vortrag hinterließ einen bleibenden Eindruck. In der gemeinsamen Reflexion mit der Zeitzeugin, den Studierenden und Prof. Dr. Alfred Wildfeuer wurde deutlich, das kulturelle Erbe ist keine statische, sondern dialogische Größe. Gerade in Zeiten von Migration, Digitalisierung und Identitätsdiskussionen sind Wissen um Geschichte und die Pflege gemeinsamer Traditionen mehr als eine akademische Übung, sie sind Grundvoraussetzung für eine friedliche, offene Gesellschaft.

Die Exkursion wurde von der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) gefördert.

Deutsch https://www.henryertner.com/2-6-exkursion-nach-prag-phdr-jerabek-ueber-cultural-heritage-in-der-tschechischen-republik/

English https://medium.com/@henryertner/2-6-excursion-to-prague-phdr-je%C5%99%C3%A1bek-on-cultural-heritage-in-the-czech-republic-44779b433431

Česky https://medium.seznam.cz/clanek/henry-ertner-exkurze-do-prahy-phdr-martin-jerabek-o-kulturnim-dedictvi-v-ceske-republice-205149


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